Anja (40), Psychologin

Anja hat einen fünfjährigen Sohn und eine einjährige Tochter. Sie hat montags manchmal frei und einen ihrer freien Tage nutzen wir, um bei Milchkaffee und Croissants zu erfahren, wie es ihr seit der Geburt ihres Sohnes beruflich ergangen ist. „An einem Sonntag im August“ ist an diesem Montag im Februar unser Treffpunkt. In dem alteingesessenem Café auf der Kastanienallee in Berlin-Prenzlauer Berg ist es verraucht, aber auch warm und gemütlich.

•    Psychologin (PIA zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin)
•    40 Jahre
•    Verheiratet
•    2 Kinder (5 Jahre und 1 Jahr)
•    Beruf des Partners: Marketingexperte in Vollzeit

WAS DAVOR GESCHAH…

Du bist heute früh schon unterwegs gewesen, obwohl Du eigentlich frei hast…
Ja, ich habe einen Hortgutschein beantragt. Mein Sohn kommt im Sommer in die Schule und das stand an.

Ganz gut, wenn man sich dafür nicht extra frei nehmen muss.
Ja, genau. Allerdings ist dieser einzige freie Vormittag in der Woche eigentlich immer mit Terminen vollgepackt…

Dann fangen wir jetzt an. Welchen Beruf hast Du ausgeübt, bevor Du Mutter wurdest?
Ich habe Psychologie studiert und mit Diplom abgeschlossen. Während meines Studiums habe ich in einer Plattenfirma gejobbt, um Geld zu verdienen. Als ich fertig war, habe ich von der Firma ein Jobangebot bekommen. Das habe ich gerne angenommen, denn ich war froh, dass ich gleich Geld verdienen konnte und nicht noch zusätzliches welches für die (damals ganz neue) Psychotherapeutenausbildung ausgeben musste. Außerdem fühlte ich mich auch irgendwie noch zu jung für diesen Beruf. Aber mein Plan war, nach ein paar Jahren im Musikgeschäft, als Psychologin zu arbeiten. Aber aus den paar Jahren wurden dann ganze zwölf Jahre… Zuletzt war ich bei einem der weltweiten Marktführer angestellt.

Welche Funktion hast Du dort ausgefüllt?
Bevor ich schwanger wurde war ich dort „Senior Manager TV Promotion“, so war der Titel. Und ich war insgeheim die Teamleiterin dieses Teams, u.a. weil ich am längsten da war. Aber das wurde nicht offiziell gemacht, denn es sollte in dieser Abteilung keine Hierarchien geben. Zwischendurch hatte ich auch schon mal angesprochen, ob man meine Teamleitung nicht auch offiziell machen könnte, aber das wurde abgelehnt.

Wie ging es weiter, als Du schwanger wurdest?
Ich wollte wie üblich die ersten drei heiklen Monate der Schwangerschaft abwarten, bis ich es meinem Chef sage. In meinem Outlook-Kalender hatte ich sogar schon den Tag notiert, an dem ich ihn einweihen wollte. Es war der 15. Februar, ein Freitag. An diesem Tag war auch irgendeine Veranstaltung, Echo oder so, da war die ganze Branche anwesend. Da habe ich mir gedacht, dass passt doch gut, dann kann sich meine Schwangerschaft gleich rumsprechen und man hat nicht das wochenlange Nachgefrage „stimmt das?“ (lacht). Dann geschah einen Tag davor etwas für mich vollkommen unerwartetes. Ich wurde plötzlich gebeten, Personalgespräche zu führen und habe meinen Chef gefragt, was es damit auf sich hat. Darauf angesprochen sagte er mir, dass ich nun offiziell Teamleiterin sei. Da stand ich natürlich vollkommen sprachlos und schwanger vor ihm, weil ich ihm ja einen Tag später von meiner Schwangerschaft hatte erzählen wollen…

Wie hat Dein Chef auf Deine Schwangerschaft reagiert?
Für ihn war das eine kleine Katastrophe, glaube ich.

Ja?
Ja.

Wie viele Stunden hast Du pro Woche gearbeitet?
Vollzeit und mehr. Wir haben die TV-Shows abends und an den Wochenenden begleitet. Deshalb war ich auch oft auf Reisen. Bestimmt jedes zweite Wochenende war ich unterwegs. Auch wochentags an den Abenden gab es sehr oft Veranstaltungen. Insgesamt waren es also deutlich mehr als 40 Stunden.

Im Gespräch

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie hoch war Deine berufliche Zufriedenheit (1 unbefriedigend und 10 exzellent) bevor Du Kinder bekommen hast?
Mindestens 9. Ich war sehr zufrieden.

Hattest Du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Ja, also die Position der „Head of“, der Teamleiterin meiner Abteilung, war mein Ziel.

War sonst noch was?
Meine Schwangerschaft war ziemlich unkompliziert. Ich war bis zum Schluss voll einsatzfähig und bin auch noch gereist bis kurz vor der Geburt. Nur ein einziges Mal habe ich eine Betreuung abgesagt, weil es mir aufgrund der Schwangerschaft nicht gut ging.

Nicht schlecht.
Ja, es war schön. Eine schöne Zeit.

ALS DAS BABY KAM…

Wie wurde die Nachricht, dass Du Mutter wirst, in Deinem beruflichen Umfeld aufgenommen?
Erstmal waren alle schockiert, weil es natürlich der falsche Moment war. Ich war ja gerade offiziell befördert worden.

Und haben sie diese schockierte Reaktion auch Dir gegenüber gezeigt?
Ja, na, klar! Wir haben uns ja mit allen geduzt und es herrschte eine sehr offene und partnerschaftliche Atmosphäre. Das kam schon sehr deutlich rüber.

Was wurde für die Zeit Deiner Abwesenheit geplant?
Sie haben jemanden zur Unterstützung geholt, die schon einmal eine Schwangere aus der Firma während der Elternzeit vertreten hat. Es war eine ehemalige Festangestellte, die nun selbstständig war und wieder ins Unternehmen gekommen ist. Sie sollte meine Arbeit machen, aber die „Head-of-Position“ nicht übernehmen. Die Abteilungsleitung wurde für mich frei gehalten. Mein Chef hat während der Abwesenheit die Abteilung geführt und die Kollegin hat meine inhaltliche Arbeit übernommen.

Wie hast Du Dich im beruflichen Kontext in den Monaten vor der Geburt gefühlt?
Gut. Ich war voll involviert, denn mit der Schwangerschaft lief alles gut. Es gab aber vor mir noch keine „Head-ofs“, die schwanger wurden. Deshalb war meine Schwangerschaft schon auch Thema im ganzen Haus. Aber ich habe mich trotzdem gut gefühlt.

Hattest Du deshalb auch selbst Zweifel bezüglich des Zeitpunkts Deiner Schwangerschaft?
Nein, überhaupt nicht. Das war alles genau richtig so. Ich wusste ja auch gar nicht, dass ich offiziell zur „Head-of“ ernannt werden sollte, deshalb hielt sich mein schlechtes Gewissen auch in Grenzen.

Die Rückkehr der Kollegin-Mutter …

Bist Du wieder in Deinen alten Beruf eingestiegen?
Ja, als mein Sohn ein Jahr alt war.

Hatte sich etwas verändert?
Eine Kollegin ist in eine andere Abteilung gegangen, deshalb ist meine Vertretung nach meiner Rückkehr da geblieben.

Aber Du warst auch wieder „Head-of“?
Ja, ich durfte als „Head-of“ wieder anfangen, mit reduzierten Stunden und dementsprechend weniger Gehalt.

Mit wie vielen Stunden hast Du wieder angefangen?
Ich bin mit 27,5 Stunden eingestiegen und habe dann nach drei Monaten auf 30 Stunden erhöht.

Wie hast Du die Stunden über die Woche verteilt?
Ich habe früher angefangen als meine Kollegen, aber bin dafür auch am Nachmittag früher gegangen. An den Tagen, an denen es feste Meetings am Nachmittag gab, bin ich länger im Büro geblieben.

Wie hast Du die Kinderbetreuung organisiert?
In unserem Bürogebäude gab es eine Kita, die nahm aber erst Kinder ab 1,5 Jahren. Also hat in den ersten vier Monaten meine Mutter 5 Tage die Woche ganztags bei uns zu Hause auf meinen Jungen aufgepasst.

Was hat Dir in der Zeit Deines Wiedereinstiegs vielleicht geholfen?
Meine Mutter – und die Tatsache, dass die Kita in dem Haus war, in dem ich auch gearbeitet habe. Das hat mir sehr geholfen. Ich hatte nicht so einen Druck zur Kita zu kommen, wenn es mal im Büro etwas länger wurde und ich 20 Minuten noch etwas fertig machen musste oder einfach etwas anlag. Es hätte mich verrückt gemacht, wenn ich dann noch hätte loshetzen und ins Auto steigen müssen, durch die Stadt mit Stau und dem wartenden Kind im Hinterkopf! So hat es mir total geholfen, dass ich einfach nur mit dem Fahrstuhl runter fahren musste und meinen Sohn dann in den Arm nehmen konnte!

War es leichter für Dich in der Kita einen Platz zu kriegen, weil Du im gleichen Haus gearbeitet hast?
Ja, das war leichter. Das hat geholfen, dass wir diesen Platz bekommen haben.

Die Unterstützung Deiner Mutter war wahrscheinlich auch noch sehr hilfreich, als Ihr den Kitaplatz schon hattet, oder?
Ja, das war super. Sie konnte ihn auch mal nehmen, wenn er krank war. Ich habe aufgrund von Krankheiten meines Sohnes deshalb im Büro an keinem einzigen Tag fehlen müssen!

Traumhaft für Deinen Arbeitgeber!
Eigentlich schon! (lacht)

Wie war es für Dich unter den neuen Bedingungen zu arbeiten?
Eigentlich ganz in Ordnung. Vor meiner ersten Reise über das Wochenende hatte ich aber großen Respekt! So lange war ich bis dahin noch nie von meinem damals einjährigen Sohn getrennt gewesen…

Wohin ging Deine erste Dienstreise?
Ich weiß noch genau, dass ich Anfang September wieder eingestiegen bin und am ersten Oktoberwochenende musste ich Nelly Furtado zu WETTEN, DASS..? begleiten.

Wie hat sich das angefühlt?
Schwierig.
Aber es war auch ganz witzig, denn Nelly Furtado hat auch ein Kind. Und sie ist auch sehr bodenständig und herzlich und kennt einen dann auch, wenn man sich ein paar Mal gesehen hat. Sie hat mich gefragt, wo ich so lange gewesen war. Da habe ich ihr erzählt, dass ich ein Kind bekommen habe. Dann haben wir darüber geredet, wie es ist, ohne Kind unterwegs zu sein. Ich habe ihr gesagt, dass dies meine erste Reise mit Übernachtung ohne meinen Sohn ist. Das es mich schmerzt, dass ich weg bin und er zu Hause ist. Sie konnte das total gut nachvollziehen. Und irgendwie hat mir das geholfen. Obwohl es nur ein kleines Zwei-Minuten-Gespräch am Rande war, habe ich mich nicht mehr so alleine gefühlt, weil ich wusste, dass es ihr genauso geht wie mir.

Unter Müttern…
Ja, genau.

Im Gespräch

Bezogen auf Deinen Wiedereinstieg in den Beruf: Was war vielleicht ein Hindernis?
Problematisch war, dass ich in der internationalen Abteilung gearbeitet habe. Mit London ging das noch, aber mit New York und L.A. zu kommunizieren, war aufgrund der Zeitverschiebung schwer. Entscheidungen vielen oft am Nachmittag. Deshalb klebte ich den ganzen Nachmittag an meinem Blackberry auf dem Spielplatz sitzend, um Prozesse weiter zu begleiten. Oft haben wir auf Antworten vom Management gewartet, die am Nachmittag eingetrudelt sind. Dann musste ich noch dem Fernsehsender mitteilen, ob die Antwort ja oder nein ist, oder es irgendwelche neuen Details oder Veränderungen gibt.

Wie kam das auf dem Spielplatz an?
Schlecht, sehr schlecht! (lacht) Wirklich, mein kleiner Sohn hat im Blackberry eine Konkurrenz gesehen! Er hat es weggeräumt oder versteckt und wollte mich immer davon wegziehen.

Hätte Dir da noch eine zusätzliche Büroassistenz geholfen? Oder waren das tatsächlich Sachen, die nur Du machen konntest?
Die Dinge waren eng mit mir verknüpft. Es ist besser, wenn derjenige alles abklärt, der am Ende auch mitfährt.

Wann war dann für Dich tatsächlich Feierabend?
Manchmal am späten Nachmittag. Manchmal wurde ich aber auch von internationalen Conference Calls noch vom Abendbrottisch geholt.

Hat Dich das gestresst? Und haben Deine Kollegen mitbekommen, dass im Hintergrund noch ein kleines Kind herumhopst?
Zum Glück war dann eigentlich immer mein Mann da. Aber selbst wenn mein Sohn im Hintergrund mal gequakt hat, hat das niemanden gestört. Da waren eigentlich alle recht cool. Das hat mich nicht gestresst.

Hat Dich noch jemand unterstützt?
Ja, mein Mann, der Vater meiner Kinder.

Und wie viel Prozent Unterstützung hattest Du ungefähr in der Woche?
Hm, das kann ich gar nicht so genau sagen…

Über den Daumen gepeilt?
Na, ich weiß, dass meine Mutter ihn irgendwann auch an einem Nachmittag genommen hat. So konnte ich an einem Tag wenigstens lang arbeiten. Ich meine das war der Mittwoch.

Das war der Tag mit dem späten Meeting, oder?
Ja, genau. Und es war gut mal nicht pünktlich gehen zu müssen, sondern Dinge auch einmal in Ruhe erledigen zu können – und zum Ende zu bringen…

Das war bestimmt gut für Dich.
Und gut für die Beziehung von Großmutter und Enkel. Die zwei waren und sind sehr eng dadurch und das ist sehr schön für beide.

Wie hoch war Deine berufliche Zufriedenheit (1 unbefriedigend und 10 exzellent) nachdem Du als Mutter wieder in den Beruf eingestiegen bist?
Na, da habe ich schon angefangen zu zweifeln. Die Zufriedenheit hatte schon abgenommen. Ich kann das schwer beziffern. Hm, das erste Jahr war noch ganz in Ordnung, aber als mein Sohn dann zwei wurde, da gab es ein Gespräch, dass sie sich wünschen, dass ich wieder in Vollzeit arbeite. Und ich habe gesagt, dass ich aber die drei Jahre, die mir zustehen, in Teilzeit weiter arbeiten möchte. Da habe ich schon gemerkt, dass das nicht auf viel Gegenliebe stößt, aber gesetzlich war ich in der besseren Position. Dadurch habe ich aber schon ab dem 2. Geburtstag meines Sohnes gewusst, dass es spätestens an seinem dritten Geburtstag eine Entscheidung geben muss. Dass es keinen Weg für mich gibt, nach dem dritten Geburtstag in Teilzeit zu arbeiten.

Gab es keine anderen Möglichkeiten?
Nur, wenn ich nochmal schwanger geworden wäre. Da wir ohnehin ein zweites Kind wollten, wäre es eine Möglichkeit gewesen. Es ist aber in dieser Zeit nicht passiert. Vielleicht auch, weil ich mich innerlich schon langsam verabschiedet und darauf besonnen habe, dass ich eigentlich Psychologin bin und während des Studiums auch der klinische Teil der Psychologie bei mir im Vordergrund gestanden hatte. Meine berufliche Zufriedenheit ging zwar nicht mehr hoch, aber als ich mich innerlich von dem Job verabschiedet habe, ging es mir schon etwas besser, weil ich Abstand hatte. Inhaltlich nahm der Druck aber weiter zu, auch deshalb, weil es der Branche so schlecht ging.

Also auf der Skala von 1 bis 10 war die Zufriedenheit dann unter 5, könnte man das sagen?
Ja, so ungefähr.

Im Gespräch

Wie ging es weiter?
Im August wurde mein Sohn drei und im Mai habe ich noch einmal das Gespräch mit den Verantwortlichen der Firma gesucht. Dabei habe ich leider gemerkt, dass es null Dankbarkeit gibt, für den Spagat, den man als Mutter hinlegt.

Wurde das nicht gesehen?
Es wurde gesagt: „Das hast Du gut gemacht, aber jetzt geht es nicht mehr.“ Warum habe ich nicht verstanden, denn ich hatte ja zwei Jahre lang bewiesen, dass es geht. Es gab nie irgendeine Klage, ich bin immer da gewesen und war verfügbar. Ich hatte daher innerlich noch zwei Prozent Hoffnungen gehabt, dass sie es einsehen und mich weiter in Teilzeit arbeiten lassen. Aber da war leider nichts zu machen.

Und was hast Du gesagt?
Dass ich kein Kind bekommen habe, um meine gesamten Tage im Büro zu verbringen ohne mein Kind zu sehen. Um eines klar zu stellen: Ich war nicht zu faul in Vollzeit, also 8 Stunden pro Tag, zu arbeiten. Es war bei meiner Arbeit u.a. wegen der Zeitverschiebung in der internationalen Abteilung nur schwieriger am Nachmittag das Büro zu verlassen. Der Bürotag meiner Kolleginnen und Kollegen fing meist nicht vor zehn Uhr an und ging dann bis in die späten Abendstunden.

Und dann?
Dann habe ich gesagt, wenn es nicht in Teilzeit geht, kündige ich. Da haben sie nur gelacht, denn sie hätten nie gedacht, dass ich das auch wirklich tue! Es wurden dann noch ganz viele Gespräche mit mir geführt. Am Ende wurde mir erlaubt, in Teilzeit weiterzuarbeiten, wenn ich die Leitungsfunktion an eine Kollegin abgebe.

Oh!
Ja, das muss man sich mal vorstellen! An eine Kollegin, die ich eingearbeitet hatte und gegenüber der ich damals viel mehr Erfahrung besaß. Auf diese Konstellation habe ich mich natürlich nicht eingelassen. Es wäre auch deshalb absurd gewesen, weil ich einfach erfahrener war und ich letztlich immer diejenige war, die im Zweifel gefragt wurde. Nominell wäre sie dann „Head-of“ geworden, aber de facto hätte ich die Abteilung weiterhin geführt.

Und dann?
Dann habe ich gekündigt! Mit fast 40! Und unsicherer Zukunftsperspektive –  und ein paar Wochen später habe ich festgestellt, dass ich wieder schwanger bin! (lacht)

Unfassbar!
Ja, dann hat sich das zweite Kind auf den Weg gemacht! Ein Wunschkind! Nur zur falschen Zeit. Denn, hätte ich das früher gewusst, hätte ich nicht kündigen müssen, sondern gesetzlich weiter in Teilzeit arbeiten dürfen. Aber das war dann auch eigentlich egal, denn die Freude über ein zweites Kind stand bei mir und meinem Mann im Vordergrund.

Was habt Ihr genau gefühlt?
Zuerst waren wir geschockt, denn ich hatte ja eben erst gekündigt und gar keine Zukunftsperspektive! Ich hatte zwar ein abgeschlossenes Psychologiestudium, aber ich wusste überhaupt nicht wohin das führt und ob ich bei den Instituten, die Psychotherapeuten ausbilden, mit fast 40 überhaupt noch genommen werde!

Hättest Du Dir vorstellen können in Deiner alten Branche weiter zu arbeiten?
Nein, denn ich hatte die für mich best mögliche Position in Deutschland beim Marktführer als Abteilungsleiterin in diesem spannenden Bereich gehabt  – alles andere wäre für mich ein Abstieg gewesen.

Eine komplexe Situation!
Ja, es gab aber auch keinen rechtlichen Schutz, weil ich selbst gekündigt hatte. Aber rückblickend war es genau richtig so. Sonst hätte ich den mutigen Schritt, etwas komplett Neues anzufangen, wohl kaum gewagt und wäre ewig in dieser Mühle drin geblieben.  Denn eigentlich mochte ich meinen Job ja auch. Ich habe ihn über all die Jahre gerne gemacht. Erst nachdem ich gekündigt hatte, habe ich gemerkt, wie viel von mir abfiel – und, unter was für einem immensen Druck ich stand.

War das der inhaltliche Druck des Jobs, oder waren es die Umstände, dass Du als Mutter eines kleinen Kindes diesen Spagat zwischen Familie und Beruf leisten musstest?
Eher letzteres.

Schwanger und ohne Job! Wie ging es weiter?
Zum Glück wurde ich vom Arbeitsamt nicht gesperrt, das hätte mir auch passieren können, da ich gekündigt hatte. Und durch das Elterngeld war ich im ersten Jahr nach der Geburt wenigstens finanziell abgesichert.

Noch mal kurz zurück, bitte.  Ich habe noch nicht ganz verstanden, warum Du nicht in Teilzeit weiterarbeiten konntest, nachdem Du zwei Jahre lang bewiesen hattest, dass es geht?
Einfach nur aus Prinzip. Im Vieraugengespräch hat der Chef der Human Resources Abteilung mir gegenüber auch zugegeben, dass sie eigentlich umdenken müssten, aber noch nicht so weit seien. Es war einfach nur Sturheit.

Erstaunlich!
Mütter gab es bei uns nur in der Buchhaltung, aber nicht als „Head of“ einer Abteilung.

Was war die schwierigste Situation, mit der Du Dich konfrontiert gesehen hast?
Die Kündigung. Das hat schon großen Mut erfordert.

Würdest Du rückblickend irgendetwas anders machen?
Nein, ich glaube nicht. Ich habe auch viele aufmunternde Worte bekommen und es gab auch eine kleine Kündigungswelle nach mir, für die ich auch verantwortlich gemacht wurde. Nicht weltbewegend, aber schon einige, die sich den Mut zum Vorbild genommen haben, etwas für sich zu verändern.

Wie bist Du weiter vorgegangen?
Das Arbeitsamt wollte mich nur im PR-Bereich vermitteln, aber das kam für mich nicht mehr in Frage. Ich musste auch feststellen, dass – anders als mir dort gesagt wurde – mein abgeschlossenes Psychologiestudium doch noch etwas wert war. Ich habe auch mit vierzig noch die Möglichkeit bei einem Institut – dem einzigen bei dem ich mich kurzfristig beworben habe – bekommen, mich zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ausbilden zu lassen. Ursprünglich hatte ich mit diesem Ziel vor Augen mein Studium begonnen.

Wie hast Du Dich damals gefühlt, was hast Du gedacht, wenn Du Dich mit anderen berufstätigen Eltern verglichen hast?
Ich hatte schon mehr Stress, als manche andere in Teilzeit Arbeitende, fand es aber auch ganz cool, dass ich meine alte Stelle wieder bekommen hatte und, dass ich diesen Spagat so gut hinbekommen habe.

Wie ging es nach der Geburt Deines zweiten Kindes weiter?
Mir war schnell klar, dass ich Kinder- und Jugendpsychotherapeutin werden möchte. Nur ging es plötzlich schneller, als ich ursprünglich geplant hatte. Schon als mein zweites Kind, unsere Tochter, ein halbes Jahr alt war, habe ich eine Zusage von einem ausbildenden Institut bekommen und wurde vom Institutsleiter ermutigt, die Ausbildung schon jetzt zu beginnen – und habe zugesagt, obwohl meine Tochter noch so klein war.

Wie hast Du die Kinderbetreuung organisiert?
Mein Institut unterrichtet einmal im Monat von Freitag bis Sonntag, so dass ich mit der Unterstützung meines Mannes und meiner Mutter an den Ausbildungswochenenden teilnehmen konnte. Mit der praktischen Ausbildung habe ich aber etwas später begonnen, nämlich erst, als meine Tochter ein Jahr alt war. Da habe ich das Glück gehabt im Frühjahr 2013 an der Charité eine Stelle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu bekommen. Wieder ist meine Mutter mit der Betreuung eingesprungen, bis wir ab dem Sommer 2013 auch einen Kitaplatz für unser zweites Kind bekommen haben.

Nicht zu unterschätzen, wie hilfreich Großeltern sein können!
Absolut!

Und nun arbeitest Du in der Klinik mit Kindern und Jugendlichen?
Ja, es ist ein komplett anderes Umfeld – und mir gefällt das. Zu Beginn war ich etwas erschrocken über die große Verantwortung, die man von Anfang an hat, aber dadurch habe ich wahnsinnig viel gelernt – das merke ich auch bei den theoretischen Ausbildungsseminaren, die meisten Krankheitsbilder sind mir schon vertraut.

Im Gespräch

Ein ganz anderes Arbeiten, oder?
Ja, total! Am Anfang haben mich die persönlichen Geschichten der Kinder in der Klinik sehr beschäftigt. Manches Mal konnte ich nachts kaum schlafen, weil ich an sie gedacht habe. Mit der Zeit lernt man aber, damit umzugehen. Ich habe in der Klinik auch ganz tolle Kolleginnen, die ebenfalls Mütter sind. Das ist schon alleine vom Arbeitsklima her ganz anders, viel verständnisvoller.

Hast Du noch Unterstützung von anderen Personen, um Deinen Alltag zu meistern (Vater des Kindes, Großeltern, Au Pairs, Babysitter, Freundinnen und Freunde)?
Ja, wie gesagt, von meinem Mann und meiner Mutter.

Wie viel Prozent Unterstützung erhältst Du momentan ungefähr von anderen?
Hm, das finde ich immer so schwer zu beziffern. Ich habe jetzt mehr Unterstützung von meinem Mann als früher, weil er jetzt den ganzen Morgen schmeißt – er macht beide Kinder fertig und bringt sie in die Kita, damit ich schnell los kann und um 8 Uhr in der Klinik bin.
Wenn ich meine Weiterbildungswochenenden habe sind meine Mutter und mein Mann beide im Einsatz.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie flexibel sind die oben genannten Personen, wenn es darum geht, Dich im Alltag zu unterstützen (1: vollkommen unflexibel, 10: extrem flexibel)?
Meine Mutter sehr, vielleicht so bei 9. Mein Mann jetzt weniger als früher (früher 5-6) und jetzt eher bei 4, weil er selbst in seinem neuen Job so viel zu tun hat. Er arbeitet vertraglich mehr als 40 Stunden in der Woche.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie hoch ist jetzt Deine berufliche Zufriedenheit (1 unbefriedigend und 10 exzellent)?
Inhaltlich bin ich sehr zufrieden, ich glaube es war die richtige Entscheidung diesen Weg zu wählen.
Aber die Rahmenbedingungen sind unmöglich, darüber bin ich auch sehr unzufrieden. Das ist aber eher eine politische Frage, weil die PIAs nicht bezahlt werden, obwohl sie eine ganze Menge leisten. Wir machen die richtige Arbeit, die auch die Ärzte und Psychotherapeuten auf der Station leisten. Es gibt dafür aber lediglich einen Hungerlohn im gesamten ersten Ausbildungsjahr. Danach wird es besser, wenn man Glück hat und eine gute Position findet.

Was war die schwierigste Situation, mit der Du Dich konfrontiert gesehen hast?
Am schwierigsten finde ich eigentlich morgens das Haus fluchtartig zu verlassen, um pünktlich zu sein und meinen Mann allein mit zwei kleinen Kindern zu hinterlassen. Er muss sie anziehen, fertig machen und in die Kita bringen. Das ist ganz schön anstrengend und ich würde gerne dabei unterstützen. Aber das geht momentan leider nicht. Und mein Mann müsste momentan auch eher früher im Büro sein, als das mit den zwei Kleinen morgens möglich ist.

Was ist noch?
Diesen Beruf als Psychotherapeutin habe ich mir ausgesucht, weil ich weiß, dass man da zeitlich sehr flexibel ist. Das kann man schon sagen. In diesem Bereich gibt es auch oft Teilzeitstellen.

Hast Du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Das absolute Fernziel wäre eine eigene Praxis. Das geht nicht jetzt sofort, sondern eher in 5 bis 10 Jahren. Ich kann mir das auch gut vorstellen, wenn die Kinder 6 und 10 Jahre alt sind und in der Schule. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man dann in einem Haus wohnt und im Erdgeschoss meine Praxisräume sind. Das wäre perfekt und ist auch der Grund, warum ich diese umfangreiche Ausbildung jetzt noch mache.

Sehr schön! Und welch ein Zufall, dass ich mein erstes Interview mit einer Mutter gemacht habe, die sich aus ähnlichen Gründen (eben um zeitlich flexibler zu sein) gerade mit einer eigenen Praxis für Physiotherapie selbstständig gemacht hat.
Ach, ja? Witzig.

Einen Beruf zu erlernen, mit dem man sich auch selbstständig machen kann, um zeitlich flexibler zu sein, wenn man Nachwuchs bekommt, ist wirklich eine Überlegung wert…
Absolut.

Würdest Du rückblickend etwas anders machen?
Nein, ich glaube es war richtig, nicht noch ein Jahr zu warten mit der Ausbildung. Das war zwar schon wieder ein wenig riskant, weil meine Tochter noch so klein war, aber dafür habe ich jetzt auch Zeit gewonnen und meine Tochter hat keinen Nachteil davon gehabt.

Wie fühlst Du Dich und was denkst Du, wenn Du Dich mit anderen berufstätigen Eltern vergleichst?
Jetzt fühle ich mich fast besser, als die meisten Eltern. Ich arbeite mit einer geringen Stundenzahl und habe einen Tag in der Woche frei. Die Zeiten sind so praktisch, dass ich nachmittags meine Kinder selbst abholen kann und nicht irgendwelche Nannys habe, die stundenweise einspringen müssen. Und was wirklich ein riesengroßer Unterschied ist, ist, dass ich nach der Klinik nichts mehr leisten muss. Manchmal hänge ich noch gedanklich an meinen kleinen Patienten, aber ich muss keine Mails mehr beantworten, niemand ruft mehr an  – und ich kann voll und ganz für meine Kinder da sein.

Also kein Blackberry-Konkurrenzbaby mehr?
Nein, mein Sohn kann sich jetzt entspannen! (lacht) Feierabend ist Feierabend! Und das ist ganz, ganz toll! Da habe ich gegenüber vielen anderen Eltern jetzt einen Vorteil.

Was würde Deine berufliche Situation optimieren?
Optimal wäre, wenn ich bei meinem nächsten Praktikum eine Stelle finde, die sich wieder so gut mit der Familie vereinbaren lässt. Und, wenn ich da auch etwas Geld verdienen würde. Ich habe noch nie so wenig verdient wie jetzt. Das letzte Mal war ich Schülerin, als ich so wenig Geld hatte – und das ist halt echt schon krass. Weil mein Mann und ich im Alltag so viel um die Ohren haben, täte es uns auch gut, regelmäßig auch mal etwas zu zweit zu machen, wie gemeinsam Essen gehen, oder auf Konzerte, oder so. Aber momentan schauen wir natürlich aufs Geld und gönnen uns das eigentlich zu wenig.

Vielleicht dauert es auch nicht mehr lange, bis Du wieder besser bezahlt bist!
Ja, hoffentlich!

WAS ES SONST NOCH ZU SAGEN GIBT…

Liebe Anja, vielen Dank für das interessante Gespräch. Jetzt hast Du die Gelegenheit noch loszuwerden, was Du sonst noch sagen möchtest.
Ich kann nur jeden ermutigen auf seine innere Stimme zu hören und den Mut zu haben, etwas zu wagen! Sei es das zweite Kind („ein Kind ist wirklich wie kein Kind“ :-)) oder eben auch im „hohen“ Alter von 40 noch mal etwas komplett Neues anzufangen. Es ist nie zu spät, sich um seine Träume zu kümmern. Und unterm Strich kann einem kein Job der Welt das geben, was ein leise gehauchtes „meine liebste Mamsi“ meines fast schon schlafenden Engels am Abend nach einem wieder mal stressigen Tag in meinem Herzen an Glücksgefühlen auslöst…

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Interviews mit Eltern, die ihre Kinder lieben – und ihren Beruf.

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