Frank (46), Schauspieler

Frank ist eigentlich nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur und Dozent. Sieht man ihn mit seiner Tochter auf dem Spielplatz, wirkt er perfekt organisiert. Es lohnt sich eigentlich immer, ihn um Hilfe zu bitten, wenn man für sein eigenes Kind ein Pflaster oder einen tröstenden Keks benötigt. An einem Freitagmorgen sitzen wir bei Frank zu Hause in der Küche, um zu erfahren, ob er beruflich auch so gut organisiert ist. Es gibt Schokocroissants und schwarzen Tee mit Zucker.

  • Beruf: Schauspieler, Regisseur und Dozent
  • Alter: 46 Jahre
  • Kinder: 1 Tochter (5 ½ Jahre)
  • Verheiratet
  • Beruf der Partnerin: Managerin bei einem großen internationalen Konzern in Vollzeit

Was davor geschah…

Guten Morgen, Frank, alles gut bei Dir?
Ja, alles prima!

Welchen Beruf hast Du ausgeübt, bevor Du Vater wurdest?
Ich bin Schauspieler und hatte schon vor der Geburt unserer Tochter begonnen, mich verstärkt mit der Arbeit als Regisseur und als Dozent an einer Schauspielschule zu beschäftigen.

Hatte das etwas mit der bevorstehenden Geburt Deiner Tochter zu tun?
Nicht wirklich. Ich wollte einfach auch eigene Arbeiten auf die Bühne bringen. Nach 13 Jahren als festes Ensemblemitglied hatte ich einfach dieses Bedürfnis. Diese Entwicklung hatte mit der Geburt der Tochter eigentlich wenig zu tun.

Wie viele Stunden hast Du pro Woche gearbeitet (und wie wurden diese verteilt)?
Meine festen Engagements waren nicht in Berlin. Wenn Du als Schauspieler arbeitest, dann bist Du quasi 24 Stunden dabei – und wenn Du nicht arbeitest, musst Du akquirieren. Das hat mich übrigens am Beruf des Schauspielers auch gestört, dass man so viel Zeit in Akquise stecken muss. Normalerweise müsste ich jetzt auf der Berlinale herumspringen, aber leider nicht nur um Filme zu gucken…

Ich kann mir vorstellen, dass das nervt.
Ja, aber das Gute ist, dass ich von anderen Schauspielern, die auch Eltern sind, weiß, dass man eigentlich nichts verpasst, wenn man ein paar Jahre diese Gesprächsrunden und Veranstaltungen versäumt und auf die Akquise verzichtet. Im Gegenteil, alle reden, wenn man wieder kommt, immer noch über genau die gleichen Themen wie ein paar Jahre zuvor (lacht) …

Das Gefühl kennen manche Nicht-Schauspieler auch, wenn sie in ihren Beruf zurück- kehren… Aber Du meinst bestimmt noch, dass Dein Handwerk, das Du als Schauspieler erworben hast, Dir nicht verloren geht, wenn Du es mal ein paar Jahre etwas entspannter angehen lässt, oder?
Ja, genau. Außerdem habe ich das Glück gehabt, eine gute Ausbildung genossen zu haben und jahrelang am Theater auf einem hohen Niveau zu arbeiten. Ich habe also nicht die Angst, dass es nicht klappt, wenn ich wieder einsteigen will.

Im Gespräch

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie hoch war Deine berufliche Zufriedenheit, bevor du Vater wurdest (1: unbefriedigend und 10: exzellent)?
Ich finde Spielen großartig! Von daher: 10. Aber die Realität des Spielens, die Umstände sind halt schwierig. Da würde ich sagen: 5.

Weil man so fremdgesteuert ist?                                                                       Weil man nur Material ist. „Material auf der Bühne“ hat ein Schauspiellehrer von mir es mal genannt.

Und irgendwann wolltest Du mehr als nur Material sein?
So ungefähr. Müsste ich einen Claim für meinen Beruf finden, würde ich sagen „Ich mache Theater“. Vor einem Jahr habe ich zum Beispiel für einen Freund – was ich jetzt öfter mache – Dramaturgie an der Volksbühne gemacht. Dazu wäre ich früher als Ensemblemitglied gar nicht gekommen. Vor zwei Jahren habe ich beispielsweise auch mit einem Regisseur aus England einen Opernpreis gewonnen. Diese Sachen gehen halt über das Maß der Beschäftigung eines Schauspielers hinaus – und das ist einfach toll.

Aber grundsätzlich – bezogen auf das Theater ist Deine berufliche Zufriedenheit so gesehen dann doch eher bei 9 bis 10, oder?
Ja, so gesehen schon.

Ok. Und hattest du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Das Problem ist, dass es als Schauspieler von so vielen Faktoren abhängt, ob man Karriere macht. Das hängt nicht unbedingt nur vom Können ab. Und das ist nicht wirklich planbar. Ich glaube, in anderen Berufen kommt es mehr aufs Können an. Bei Schauspielern ist es oft auch einfach ein sehr äußeres Ding. Es hängt davon ab, ob jemand Deine Erscheinung mag oder nicht. Es gibt ja das Wort „Gesichtsvermietung“ – und so ist das auch.

„Gesichtsvermietung“… Ja, auf die Optik kommt es zum Glück in den meisten anderen Berufen weniger an…
Genau. Als Schauspieler ist es allein schon ab einer gewissen Körpergröße komplizierter. Denn, wenn deine Partnerin dann nur 1,65 cm groß ist, dann muss sie sich auf ein Höckerchen stellen – was schon wieder etwas aufwendiger ist…

Aber inhaltlich war Deine Karriereambition schon Deine Weiterentwicklung zum Regisseur und daher nicht nur von äußeren Umständen abhängig, oder?
Das stimmt.

War sonst noch etwas bevor Deine Tochter kam?
Na, ja, berufliche Veränderungen sind das eine. Meine Frau und ich haben uns sehr, sehr gewünscht, ein Kind zu haben, weil wir uns lieben. Und das Wunderbare ist, dass unsere Beziehung und Partnerschaft eine Erweiterung erfahren hat, die ich extrem schön finde.

Als das Baby kam…

Wie hast Du Dich im beruflichen Kontext in den Monaten vor der Geburt gefühlt?
Mir war von Anfang an klar, dass ich eine längere Elternzeit mache und in dieser Zeit Engagements nicht annehmen kann. Meine Frau ist Managerin bei einer großen internationalen Firma. Sie kann in dieser Position nur in Vollzeit arbeiten und da wir unser Familieneinkommen hauptsächlich aus ihrem Verdienst beziehen, musste ich kürzer treten. Außerdem kam bei mir erschwerend hinzu, dass ich nicht in Berlin gearbeitet habe, sondern z.B. in Köln oder Freiburg. Solange Proben waren, kam ich von dort nicht weg. Und Proben sind von montags früh bis samstags 14 Uhr.

Dann arbeitet Ihr, wenn Proben sind, eigentlich immer – außer sonntags…
Richtig. Man kann dann Samstagnachmittag nach Hause fahren, muss aber Montagfrüh wieder da sein. Das heißt, es ist sehr, sehr schwer für mich geworden, als Schauspieler am Theater zu arbeiten. Mit der Ankündigung, dass wir ein Kind bekommen, war für mich klar, dass der Beruf für mich zumindest in den ersten Jahren so nicht mehr zu machen war. Und irgendwie, zu dem Zeitpunkt, als meine Tochter kam, hatte ich auch ohnehin keine Lust mehr, unter diesen Bedingungen als Schauspieler zu arbeiten und brauchte einfach mal eine Pause. Deshalb habe ich angefangen Regierarbeiten zu machen. So kam es eigentlich ganz passend, dass ich Vater wurde und gleichzeitig die Leibeigenschaft im festen Ensemble so nicht mehr wollte.

Also ein ganz neuer Lebens- und Berufsabschnitt?
Ganz neu vielleicht nicht, aber eine kleine Zäsur war es schon, da ich mich auf andere Sachen konzentriert habe. Ich war nicht mehr 6 Wochen am Stück weg und konnte selbst bestimmen, wo und wie ich arbeite.

Die Rückkehr des Kollegen-Vaters…

Und jetzt arbeitest Du mehr von Berlin aus, wo Deine Frau und Deine Tochter sind…
In der Regel schon. Ich habe dann angefangen, öfter an einer Schauspielschule zu unterrichten. Das hatte ich vorher auch schon getan, aber dann habe ich das verstärkt. Drei Tage in der Woche bin ich jetzt als Dozent an der Schauspielschule. Das Gute ist, dass ich, wenn ich keine Zeit habe, dort auch nicht unterrichten muss. Also auch hier bin ich ziemlich flexibel. Wenn ich mal einen anderen Job habe, unsere Tochter krank ist, oder etwas anderes anliegt, dann mache ich das. Dann setzte ich meinen Unterricht eine Zeit lang aus und es geht weiter, wenn ich wieder da bin.

Klingt nach einer sehr guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Doch, ja. Ich versuche auch, mehr als Sprecher zu arbeiten und mehr zu drehen. Das sind dann oft nur 2 oder 3 Tage am Stück. Das ist besser. Das ist praktischer. Selbst wenn ich dann mal in eine andere Stadt muss, ist das machbar.

Im Gespräch

Du sagtest als Schauspieler sei man quasi Leibeigener…
Ja, die Leibeigenschaft als Schauspieler ist schlimmer als in anderen Berufen…

Die Leibeigenschaft wurde in anderen Berufen offiziell schon vor Urzeiten abgeschafft… Als Regisseur bist Du vermutlich freier und kannst die Termine festsetzen. Wenn also 6 Wochen am Stück benötigt werden, dann bestimmst Du wenigstens welche 6 Wochen es sind, oder?
Ja, genau so ist es. Und in dieser Zeit bin ich dann auch mein eigener Herr.

Hört sich gut an.
Ich bin zufrieden. Zusätzlich habe ich mit ein paar anderen auch eine kleine Beratungsfirma gegründet. Für Firmen und Unternehmen bieten wir „Strategisches Storytelling“ an. So splittet sich das auf –  und das finde ich eigentlich ganz schön.

Klingt ausgewogen…
Allerdings spüre ich gerade, dass ich doch langsam mal wieder mehr spielen möchte (lacht)…  Ich hoffe, dass ich in dieser Hinsicht mehr Flexibilität gewinne, wenn unsere Tochter im Sommer in die Schule kommt. Dann werde ich mich wieder mehr um Jobs als Schauspieler kümmern können.

Bestimmt wird es mit einem Schulkind besser…
Wie wurde die Nachricht, dass Du Vater wirst, in Deinem beruflichen Umfeld eigentlich aufgenommen?                                             Hö, höööö!!! (lacht und zieht Grimasse) Gut. Was sollte auch sein?

Hat keiner  gesagt „Oh, da wird sich aber viel für Dich ändern“, oder „Den Frank buchen wir im nächsten Jahr lieber nicht, der ist gerade Vater geworden und bestimmt nicht ausgeschlafen?“
Nein. Ich habe es aber beruflich auch kaum kommuniziert. Berufliches und Privatleben versuche ich zu trennen. Es hat also in dieser Hinsicht keine Rolle gespielt.

Interessant…
Es ist ja auch so, dadurch, dass ich der Vater bin und nicht die Mutter, konnte ich mich ganz am Anfang gar nicht so viel kümmern. Und meine Vaterschaft hat deshalb beruflich zu Beginn für mich gar nicht so eine große Rolle gespielt, weil ich weniger eingeschränkt war, als die Mutter.

Gab es trotzdem irgendetwas, das du geplant hast, als Deine Tochter kam. Hast du etwas umdisponiert?
Als klar war, ab wann meine Frau wieder arbeiten würde, habe ich für die Zeit danach nicht weiter akquiriert.

Das war dann relativ gut zu planen – einfach nichts Neues mehr anzunehmen, oder?
Total.

Wie hast Du Dich im beruflichen Kontext in den Monaten vor der Geburt gefühlt?
Och.

Gut?
Eigentlich nicht anders als vorher.

Du hast nie den Gedanken gehabt: „Wie wird das wohl mit Kind?“
Nein, nein überhaupt nicht.

Sowas…
Ich hatte eine Lehrerin an der Schauspielschule – eine großartige Schauspielerin – und die habe ich irgendwann mal gefragt, ob man als Schauspieler überhaupt eine Familie haben kann. Sie hat mich nur angeguckt und gesagt: „NATÜRLICH. Ich habe ja auch meinen Sohn großgezogen.“ Und sie hat das sogar alleinerziehend gemacht. Das habe ich damals abgespeichert und irgendwie vielleicht auch deshalb nie Angst davor gehabt, ein Kind zu kriegen. Im Gegenteil, ich habe mir das immer sehr gewünscht. Ich hatte auch nie das Gefühl, dafür einen Preis zahlen zu müssen. Überhaupt nicht.

Sehr schön. Und wie sah es bei Dir – kurz nachdem Euer Baby geboren wurde – beruflich aus?                                                                            Ich habe meine Vorstellungen – damals in Heilbronn – zu Ende gespielt. Zu Beginn war eigentlich für mich nur der Unterschied, dass ich dann nicht nur meine Frau am Telefon hatte, sondern auch unser brüllendes Baby gehört habe (lacht). Ich habe eigentlich immer weiter gearbeitet, aber früh darauf geachtet, dass keine großen Engagements mehr dabei sind.

Im Gespräch

Die Schauspielerei hast Du also etwas zurückgefahren und Deine anderen Tätigkeiten ausgebaut. Wie war das für Dich?
Wie gesagt, das passte halt ganz gut. Und wenn du Theater machst – egal in welcher Funktion – ist ein Grundpfeiler des Ganzen, dass man sich extrem wichtig nimmt. Und das was man tut. Denn sonst funktioniert es nicht. Sonst kannst du dich nicht hinstellen und vor einem Publikum die Hose herunterlassen. Ich habe schon das Gefühl, durch meine Vaterschaft beruflich gelassener geworden zu sein, was nicht heißt, dass mir meine Arbeit jetzt weniger bedeutet, aber die Prioritäten haben sich verschoben. Das Zusammenleben mit meiner Frau und meiner Tochter steht unangefochten im Vordergrund. Und ich bin mir sehr bewusst, dass ich privilegiert bin, als Mann oder Vater so viel Zeit mit meinem Kind verbringen zu dürfen. Das finde ich großartig. Ich habe einen Freund, der hat das dito gemacht. Und die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter ist so allerliebst, so schön, das würde ich mir wünschen, dass das auch bei mir so bleibt – und es auch einen Sinn hat, dass man so viel Zeit mit der Tochter verbringt. Und wie gesagt, das ist dem geschuldet, dass meine Frau einen festen Job hat. Und ich im Moment auch emotional den Abstand dazu habe, jetzt partout Karriere machen zu müssen. Ich sage mir, dass ich dann eben meine Alterskarriere (lacht) starte, wenn unser Tochter selbstständiger ist. Durch ihre Geburt stehe ich selbst nicht mehr so im Mittelpunkt, sondern jemand anderes spielt jetzt mal die Hauptrolle.

Deine kleine Hauptdarstellerin, ein schönes Bild! Zwischen Deiner Frau und Dir war, wie Du gesagt hast, immer klar, dass Ihr Euch so arrangiert. Dass sie weiter in Vollzeit arbeitet und Du Deinen Beruf in den ersten Jahren um die Betreuung Eurer Tochter herum organisierst.
Ja, das war immer klar.

Hat Euch sonst noch irgendetwas geholfen?
Es war super, dass der Chef meiner Frau so positiv und familienfreundlich auf ihre Schwangerschaft reagiert hat. Sie hat damals vier Tage in der Woche in München gearbeitet und konnte dann sofort in Berlin im Homeoffice arbeiten und musste nur noch einmal die Woche nach München kommen. Mit dem Homeoffice war es manchmal nicht einfach. Es gab eine Phase, in der sie sich spätestens um 19:30 Uhr nach dem Abendbrot wieder an den Schreibtisch gesetzt und bis 23 Uhr gearbeitet hat. Das wurde besser, seitdem sie innerhalb der Firma ins Berliner Büro gewechselt ist. Alles in allem war es trotzdem ein großes Glück, dass ihr Arbeitgeber, was die Flexibilität angeht, einfach super war und unsere Situation als Familie berücksichtigt und ernst genommen hat. Das würde man von so einem internationalen Konzern eigentlich gar nicht unbedingt erwarten, dass sie eine so gute HR-Politik haben und so ein Investment in ihren Mitarbeitern sehen, dass sie ihnen so entgegen kommen.

Ja, super! Und diese Wertschätzung zahlt sich ja offensichtlich auch aus, wenn die Mitarbeiter dafür freiwillig auch noch ihre Abende am PC verbringen.
Ja, klar.

Ab wann hat Deine Frau wieder angefangen zu arbeiten und wie hast Du Dich dann beruflich aufgestellt?
Unsere Kleine ist mit 6 Monaten – schon bevor sie in die Kita gekommen ist – zu einer Nachbarin als Tagesmutter gegangen, die ein Kind in ihrem Alter hat. Es war eine glückliche Fügung, denn so konnten meine Frau und ich beide nach 6 Monaten wieder arbeiten. Unsere Tochter ging morgens in die Nachbarwohnung zum Spielen und kam nach dem Mittagessen zum Schlafen wieder zu uns. So hatten wir schon recht früh ein geregeltes Zeitfenster und ich konnte meinen Tätigkeiten in dem Zeitraum nachgehen.

Also bis mittags..
Ja, das war die Zeit, in die ich dann meine Termine gelegt habe. Die Studios wussten, dass ich meine Slots nur in dem Zeitraum machen kann und haben das berücksichtigt.

Und wann kam die Kita?
Als sie 11 Monate alt war. Dort war sie dann von 8 Uhr morgens bis nachmittags um 15 Uhr.

Hattet Ihr sonst noch Unterstützung?
Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass wir noch einen Babysitter haben. Denn der will dann ja auch beschäftigt werden und bei meiner Arbeit kann ich schlecht verbindlich Tage  und Zeiten fest machen, denn es variiert immer. Außerdem bin ich so froh, wenn ich nachmittags nach der Kita bis unsere Tochter ins Bett geht, noch diese Stunden mit ihr zusammen habe. Ich finde diese Zeit so wertvoll und habe deshalb gar keine Lust, abends von dieser wertvollen Zeit etwas an einen Babysitter abzugeben. Wenn wir wirklich einen brauchen, wegen irgendwelcher Abendveranstaltungen oder -einladungen, dann haben wir zum Glück eine ganz tolle 70-jährige Nachbarin, die früher sogar Erzieherin war und die dann aufpasst.

Das ist super. Dann schafft Ihr es auch ohne Babysitter…
Ja, und aus meiner Sicht macht es doch irgendwann gar keinen Sinn mehr, ein Kind zu haben, wenn es den ganzen Tag in der Kita ist und abends noch vom Babysitter abgeholt wird… Ich kümmere mich gerne um meine Tochter.

Bei Deinem Beruf ist es ja auch schwer verbindlich zu sein und Babysitter sind nicht endlos flexibel…
Ja, genau. Das ist abgesehen von der emotionalen Komponente auch noch ein Punkt, warum wir uns dagegen entscheiden haben. Natürlich kann das beruflich auch mal nach hinten losgehen, wenn man nur auf sich alleine gestellt ist. Meine Frau muss beispielsweise zweimal im Jahr nach Amerika – und wie es dann halt so ist,  kam es schon zweimal vor, dass ich genau in dieser Zeit sehr schöne Projekte hätte machen können, bei denen ich auch noch sehr viel Geld verdient hätte, die ich aber leider absagen musste, weil einer von uns unsere Tochter betreuen muss.

Das tut dann schon ein bisschen weh…
Klar. Aber man kann das Kind nicht mitnehmen. Das eine wäre auch noch in London gewesen. Ich hätte dann nicht auf sie aufpassen können…

Im Gespräch

Wie viel Prozent an Unterstützung bekommst Du ungefähr von anderen bei der Betreuung Deines Kindes?
Zwei Prozent? (lacht) Nein, natürlich mehr! Die Kita hat mindestens schon mal 40 Prozent.

Und die Verteilung zwischen Dir und Deiner Frau?
Na, ja. Sie kommt halt unter der Woche zwei Stunden später nach Hause. Ansonsten teilen wir das schon. Es gibt zwischen uns auch nicht den großen Windelwettbewerb. Klar, gehe ich mit unserer Tochter zur Logopädie, zum Klavier, aber das meiste machen wir gemeinsam.

Also kann man sagen, Du machst ungefähr 60 und Deine Frau 40 Prozent?
Ja, ok, das kann man sagen. Aber es gibt auch immer Situationen, da ist es mal anders herum. Gedanklich und emotional sind wir auf jeden Fall immer gleich intensiv involviert.

Wie flexibel sind andere, Dich im Alltag zu unterstützen?
Letztes Jahr habe ich zum Beispiel 3 Tage in Leipzig gedreht, das wusste ich zwei Wochen vorher und da hat meine Frau etwas abgesagt, damit ich das machen kann. Also meine Frau kann sehr flexibel sein (10), aber manchmal eben auch nicht (1).

Wie hoch ist jetzt Deine berufliche Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 (1: unbefriedigend und 10: exzellent)?
So bei 6. Aber das liegt daran, dass ich jetzt wieder gerne mehr als Schauspieler machen würde, aber die Akquise längere Zeit habe schleifen lassen. Und momentan auch einfach keine Lust habe zu akquirieren (lacht). Wer mich haben will, soll mich suchen.

Kann es vielleicht daran liegen, dass Du schon so viel Energie bei der Betreuung Deines Kindes aufwendest, dass Dir momentan das mühsame Akquirieren einfach schwerer fällt?
Klar, es kommt einem ja einiges anstrengender vor und ich möchte gerne um 21-22 Uhr ins Bett gehen, zumal der Wecker um 5:30 Uhr schon wieder klingelt. Aber es ist auch einfach so, dass alles mit fortgeschrittenem Alter (lacht) anstrengender wird.

Was war für Dich die größte Herausforderung im Spannungsfeld Beruf – Vatersein?
Na, dass ich manchmal Sachen absagen muss, wie vorhin schon beschrieben.

Wie gehst Du damit um?
Früher wäre ich Amok gelaufen, hätte Rumpelstilzchen gespielt und wäre im Kreis ums Feuer herumgesprungen vor Wut. Aber jetzt sage ich: „Ist halt so…“

Du arrangierst Dich damit?
Ja. Und ich sage mir jetzt öfter, wenn meine Tochter demnächst in der Schule ist, dann starte ich meine Alterskarriere (lacht).

Sehr gut, mach das!
Würdest du rückblickend etwas anders machen?
In Bezug Beruf und Kind? Nein. Ich glaube, dass mir diese Zeit, das Kind heranwachsen zu sehen, dies jeden Tag intensiv mitzubekommen und mich daran zu freuen, so wahnsinnig viel gibt… Die Möglichkeit zu haben, dafür etwas heraus zu treten aus dem Job, zwar nur ein stückweit, aber dafür nicht alles machen zu müssen – das hilft mir auch, klarer zu definieren, was ich wirklich machen will, was ich machen kann. Und natürlich auch, was ich nicht machen will. Das ist das Gute daran. Ich glaube, dass mir das jetzt auch hilft, wenn ich am Set bin. Früher war ich da immer sehr, sehr ehrgeizig und habe gedacht, ich muss alles richtig machen (lacht). „When too perfect liebe Gott böse.“ (lacht) Jetzt geht es mir mehr darum, gute Laune zu verbreiten und einen positiven Spirit mitzubringen.

Dadurch wird das Arbeitsergebnis auch nicht schlechter, oder?
Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil.

Ja.
Deshalb würde ich rückblickend nichts anders machen.

Wie fühlst Du Dich (Du hast vorhin gesagt, dass Du Dich auch ein Stück weit privilegiert fühlst, dass du so viel Zeit mit Deinem Kind verbringen kannst) und was denkst Du, wenn Du Dich mit anderen berufstätigen Eltern vergleichst?
Hm.

Also, Du hast eben gesagt, dass Du gegenüber anderen das Glück hast, bei Deiner Tochter viel mitzubekommen.
Stimmt, aber, ach, ich vergleiche das nicht. Ich habe Freunde, die wahnsinnig erfolgreich ihre Film- und Theaterkarriere weiter gemacht haben, die inzwischen drei Kinder haben, aber ihre Kinder kaum sehen, bzw. die ganze Zeit Leute beschäftigen müssen, die auf sie aufpassen. Die Kindermädchen müssen mit zum Set und wenn du gerade nicht arbeitest, musst du dich um die Kinder kümmern. Gerade dabei habe ich aber das Gefühl, dass es häufig zulasten des Jobs und zulasten von einem selbst geht. Für mich passt es gerade so, wie es ist, ganz gut.

Und gibt es etwas, das Deine berufliche Situation optimieren würde? Angenommen Du könntest neue Maßstäbe im Theater- und Filmbereich setzten: „Alle Eltern haben ab heute diese und diese Privilegien.“ Was würdest du machen? Was wäre hilfreich?
Hm, dazu kann ich nichts sagen. Für mich persönlich ist es ja gerade ziemlich optimal. Aber was ich eben erzählt habe, von Kollegen, die sehr beschäftigt sind und sehr viel Geld verdienen, neben denen gibt es auch das andere Extrem. Leute, die überhaupt kein Geld haben, die herumkrebsen und sich das Kindermädchen nicht leisten können. Menschen, die wahnsinnig gern arbeiten würden, aber nicht können, weil das Kind krank ist und die deshalb schon wieder einen Anschlussjob verlieren. Da denke ich, da kommt man ganz schnell in so eine Grundeinkommensdiskussion. Ich habe das Gefühl, hier in Berlin ist es durch die Betreuungssituation in der Kita ganz gut, aber sobald du gar kein Geld hast, wird es schwierig. Meine Frau und ich wissen unser Glück zu schätzen, da wir nicht die Augen davor verschließen, dass es diese anderen Lebenssituationen auch gibt.

Ja, schwierig. Ihr zwei scheint in Kombination super zu funktionieren. Du hast die Flexibilität, sie die Stabilität und offensichtlich einen Arbeitgeber, der sehr viel versucht, sie als berufstätige Mutter glücklich zu machen.
Ja. Natürlich gibt es für mich aber auch die Momente, da läuft es nicht so wie geplant. Da denke ich, „Mensch, wäre ich zu der Premiere gegangen und hätte mit dem und dem gesprochen, dann hätte ich die Rolle bekommen…“

Im Gespräch

Ist es eigentlich auch manchmal für Deine Arbeit inspirierend, wenn Du sehr emotionale Szenen von Kindern bspw. auf dem Spielplatz erlebst?
Nein, gar nicht. Was mich aber inspiriert, sind die Geschichten, die meine Tochter mir manchmal erzählt. Mit welcher Ernsthaftigkeit Kinder Dinge behaupten, das fasziniert mich! Und die Art und Weise des Spielens, die quatschigen Lieder und die Leichtfertigkeit, sich ganz schnell wieder davon zu verabschieden.

Was es sonst noch zu sagen gibt!

Warum ist die Balance zwischen Familien- und Berufsleben bei Euch so gut? Was ist Euer Geheimnis?
Was hilft ist sicher, dass bei uns zwei Leute zusammenkommen, die sich so gut ergänzen. Ein Geheimnis ist aber auch, dass meiner Frau und mir – uns beiden – unsere Arbeit wahnsinnig viel Spaß macht. Egal was ich mache, das macht mir ja Spaß. Darin fühle ich mich auch so privilegiert. Und meiner Frau geht es da total ähnlich, obwohl sie etwas vollkommen anderes macht als ich. Es macht uns beiden so viel Spaß! Und das ist einfach unser großes Glück. Daher habe ich aber auch keinen Ratschlag und keinen Tipp für andere.
Doch einen vielleicht: Skifahren und Urlaub macht uns glücklich! (lacht) Urlaub machen habe ich von meiner Frau gelernt. Das habe ich früher nicht gemacht.

Wie bitte?
Nein, wirklich. Früher habe ich nur gearbeitet und bin als Schauspieler genug rum gekommen. Urlaub gemacht habe ich nie. Meine Frau schon. Und sie hat recht gehabt, denn Reisen und Urlaub machen wirklich Spaß, musste ich feststellen.

Da bin ich aber froh. Ihr ergänzt Euch wirklich gut!
Und ich bin froh, dass ich in Berlin-Mitte nicht wochentags der einzige Vater auf dem Spielplatz bin. In anderen (Vor-)Orten wäre ich sicher ein Exot. Die Gespräche der Mütter sind schon ein wenig anders, denn da geht es häufig um andere Themen wie Ernährung, Kinderklamotten…

Ach, so? Interessant…
Ja, ist doch so, oder? (lacht) Die Themen mit meinen Papafreunden sind schon ein bisschen anders. Mit denen kann ich mich auch mal über Fußballergebnisse austauschen und ein Feierabendbier trinken… Überhaupt bin ich für den Austausch mit Leuten aus anderen Branchen und Bereichen sehr dankbar. Das kam jetzt vor allem durch die Kita, also dadurch, dass wir über unsere Tochter viele Eltern kennengelernt haben, die in anderen Bereichen beruflich unterwegs sind. Das hat meinen Horizont wirklich noch weiter gemacht.

Vielen Dank, lieber Frank, für das interessante Gespräch! Wir wünschen Dir, dass Du, wenn Deine Tochter in die Schule kommt, auch mit der Schauspielerei wieder durchstarten kannst! Du hast es verdient!

Frank Riede als Tilmann Hicketier in Carl Sternheims Stück BÜRGER SCHIPPEL (Foto: E. Danielewicz)
Frank Riede als Tilmann Hicketier in Carl Sternheims Stück BÜRGER SCHIPPEL (Foto: E. Danielewicz)
foto: urban ruths www.urbanruths.de
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Inszenierung HERMES IN DER STADT v. Lothar Trolle, Regie: Frank Riede, Studiotheater Charlottenburg 2012 (Foto: Schauspielschule Charlottenburg)
Inszenierung HERMES IN DER STADT v. Lothar Trolle, Regie: Frank Riede, Studiotheater Charlottenburg 2012 (Foto: Schauspielschule Charlottenburg)
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Interviews mit Eltern, die ihre Kinder lieben – und ihren Beruf.

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