Birgit (43), Dramaturgin

Birgit (43), Dramaturgin und Lektorin
Beruf: Dramaturgin und Psychologin (im Studium)
Alter: 43 Jahre
Kinder: 1 Sohn (7 Jahre)
Status: alleinerziehend

Birgit empfängt uns am Nachmittag bei sich zu Hause. Die Dramaturgin und alleinerziehende Mutter eines 7-Jährigen ist gut gelaunt, aber schwer erkältet. Sie hat neben ihrem beruflichen Alltag gerade die Geburtstagsfeier ihres Sohnes erfolgreich gemeistert.

Du hörst Dich nicht gut an…
Ja, ich weiß. Aber diesen Termin abzusagen hätte bedeutet, dass wir vor so schnell keinen neuen mehr finden…
Oh, dann vielen Dank, dass Du nicht abgesagt hast!
Bitte schön! (lacht)

Was davor geschah…

Welche Tätigkeit hast Du ausgeübt, bevor Du Mutter wurdest?
Ich war als Dramaturgin und Lektorin tätig. Meine Selbstständigkeit habe ich mir kontinuierlich aufgebaut und weiter entwickelt, bis ich wegen des Vaters meines Sohnes vorübergehend nach Stuttgart gezogen bin.

Auch nicht so einfach, eine Fernbeziehung…
Ja, aber irgendwann habe ich mich entschieden, es dort zu probieren, obwohl es im Bereich Dramaturgie im Stuttgarter Raum weitaus schwieriger ist, als in Berlin, weil es dort einfach viel weniger Angebote gibt. Und dann habe ich mir die Einstiegschance dadurch erschwert, dass ich unerwartet schwanger wurde…

Wie viele Stunden hast du gearbeitet, bevor du Mutter wurdest? 40?
Schwer zu beziffern. Ich habe früh angefangen, meist aber in Ruhe Kaffee getrunken, dann aber wieder spät gearbeitet. Also es war recht flexibel, und unterschiedlich, aber 40 Stunden werden es gewesen sein…

Wie hoch war Deine berufliche Zufriedenheit?
Bei 7. Sie war relativ gut.

Hattest du noch weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Ja, schon. Ich wollte die Dramaturgietätigkeit ausweiten, habe aber durch den Standortwechsel und die Schwangerschaft meine Dozententätigkeit ausgeweitet. Das ist bis heute sozusagen ein Überbleibsel aus der Stuttgarterzeit, leider aber wesentlich schlechter bezahlt als meine alte Tätigkeit.

Das heißt, Du hast damals angefangen zu unterrichten und machst es auch heute noch?
Richtig, und es macht auch Spaß. Doch ohne die Schwangerschaft und Mutterschaft wäre ich vermutlich nicht in diesen Bereich gegangen.

Wie lief es kurz bevor Du schwanger wurdest?
Na, ja, ich hatte in Stuttgart gerade eine Seriendramaturgie begonnen und habe dann festgestellt, dass ich schwanger bin.

Was hast du dann gemacht?
Da ich gerade die neue Stelle angenommen hatte, habe ich dort zugesichert, dass ich weiter arbeiten werde, auch wenn das Baby da ist. Das hat alles sehr gut geklappt. Ich habe auch noch an dem Tag, als das Kind kam, gearbeitet. Bis ich gemerkt habe, ok, jetzt wird es komisch…

Erstaunlich…
Ja, aber mir ging es gut. Und zwei Wochen nach der Geburt habe ich wieder angefangen zu arbeiten.

Wie war das?
Es war u.a. das Verantwortungsgefühl meinem Arbeitgeber gegenüber, das mich dazu gebracht hat, so schnell wieder zur Verfügung zu stehen. Ich war ihnen sehr dankbar, dass sie mich trotz der Schwangerschaft eingestellt haben. Dieses Vertrauen wollte ich nicht enttäuschen. Denn sie hätten mich nicht einstellen müssen, als klar war, dass ich schwanger bin. Aber sie haben es trotzdem getan. Ich habe also von zu Hause nach der Geburt gleich weiter gearbeitet, also Bücher gelesen und  Kommentare abgegeben. Und nach drei Monaten habe ich wieder richtig angefangen zu arbeiten.

Dann hast Du ja quasi kaum eine Pause gehabt…
Ja, denn meine große Sorge war, dass ich in Stuttgart, also den für diese Branche ungünstigen Standort, keinen Anschluss mehr finde, wenn ich zu lange aussetze.

Wie hast Du Dich dabei gefühlt?
Mein Mann war, glaube ich, nicht so begeistert. Es wäre finanziell auch nicht notwendig gewesen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich durch den Standortwechsel von Berlin nach Stuttgart schon so viel aufgebe und riskiere, dass ich meine Identität ganz verliere, wenn ich jetzt auch noch meinen Job aufgebe. Im fremden Umfeld nur noch Ehefrau und Mutter zu sein, das war mir zu riskant.

Wie hast du dich in dem beruflichen Kontext in den Monaten vor der Geburt gefühlt?
Super, das war gut. Ich hatte viel Spaß mit der Serie, an der ich gearbeitet habe. Es war auch eine Kinderserie und da kam es gut an, dass die Dramaturgin schwanger war.

Im Interview_eins

Als das Baby kam…

Hat es gut geklappt, mit dem Baby zu arbeiten?
Ja, es ließ sich wirklich recht gut vereinbaren. Der Kleine war erstaunlich pflegeleicht. Wir hatten, als er 8 Monate alt war, 2-4 Stunden in der Woche eine Kinderfrau und dann, als er 1,5 Jahre war, eine Kita für ihn.

Wie hat Dein berufliches Umfeld die Nachricht, dass du schwanger bist, aufgenommen?
Die Reaktionen waren allesamt sehr positiv. Alle sind mir entgegen gekommen. Dafür habe ich aber auch gesagt, dass ich nicht – so wie viele das machen – ein Jahr aussetzte, sondern bin quasi dabei geblieben.

Wie genau ist Dir Dein „berufliches Umfeld“ entgegen gekommen?
Zum Beispiel, wenn es um das Thema Dienstreisen ging, da wurde ich geschont. Nach der Geburt sind z.B. Autor und Produzent für ein Meeting für mich von München und Köln nach Stuttgart gereist.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr entgegenkommend…
Ja, das war es auch (lacht). Und es wurde auch immer toleriert, dass ich mein Kind überall hin mitnehme.

Und du hast dich nicht gestört gefühlt, wenn der Kleine dabei war?
Es ist manchmal schon eine Gradwanderung gewesen. Es war aber für mich wichtig präsent zu sein. Bei wichtigen Terminen, bei denen ich nicht nur dabei sein sollte, sondern auch kreativ etwas leisten musste, ist mein Mann mitgefahren.

Was hat Dein Mann damals gemacht?
Er hat eine Leitungsfunktion in der Modebranche.

Also auch festangestellt?
Ja, er hat extrem viel zu tun.

Also war es für ihn auch nicht einfach, Dich bei Deinen Dienstreisen zu begleiten?
Ja, es musste immer von langer Hand geplant sein. Es ist auch nur ein oder zwei Mal vorgekommen.

Was hat Dir noch geholfen?
Grundsätzlich ist an meinem Job gut, dass ich von zu Hause arbeiten kann. Ich bin flexibel. Ich muss selten irgendwo hin, es sei denn, ich gebe einen Workshop. Das gilt auch für meine Dozentenarbeit. Wenn etwas war, konnte ich immer im Sekretariat anrufen. Dann wurde eben ein Zettel an die Tür gehangen für die Studenten, damit sie wussten, dass die Stunde ausfällt. Das war nicht schwierig.

Wurde im Büro etwas umstrukturiert?
Nein. Das war nicht nötig. Meine Serie lief aus, eine Romanadaption hatte ich abgesprochen. Das war ein sauberer Übergang.

Wie ging es beruflich weiter?
Ich habe dann, als ich alleinerziehend war, gemerkt, dass ich aufwendigere Angebote, zum Beispiel eine Serie zu machen, absagen musste. Das ging nicht, dann hätte ich nie ausfallen dürfen und mit einem kleinen Kind, kommt das aus Krankheitsgründen immer mal wieder vor. Unterstützung durch den Vater hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch kaum.

Das ist, wenn man alleinerziehend ist, bestimmt besonders schwierig, weil man dann nie vorher sagen kann, ob man eine Betreuung für sein Kind findet oder nicht…
Ja, und man kann dem Kind auch nicht zumuten, ständig fremdbetreut zu sein. Wenn das Kind beim Vater ist, ist es etwas anderes, aber der lebt bei uns nun mal leider in einer anderen Stadt und hat aus beruflichen Gründen wenig Zeit.

Im Interview_zwei

Die Rückkehr der Kollegin-Mutter…

Du bist also wieder in Deinen alten Beruf eingestiegen?
Ja, genau.

Und wurde für die Zeit Deiner Abwesenheit etwas umstrukturiert?
Nein, denn die Serie, die ich gemacht habe, lief dann aus und die Romanadaption habe ich dann auch abgeschlossen.

Warum war es plötzlich so schwierig für Dich aufwendigere Angebote wie die Serie anzunehmen?
Das hing natürlich schon damit zusammen, dass ich dann plötzlich alleine war. Dem Kind ging es ja mit der Trennung gar nicht gut und da konnte ich es nicht auch noch allein lassen. Und der Kleine wurde ja auch aktiver. In der Anfangszeit konnte ich das Kind immer bei mir haben, es hat so viel geschlafen.

Hast du das Angebot dann angenommen?
Nein, es ging einfach nicht, denn es war auch noch teilweise in einer anderen Stadt. Dann hätte ich auch noch viele Reisen machen müssen, das war als Alleinerziehende einfach nicht möglich.

Wenn man einen festen Partner hat, hat man ja auch immer jemanden zur Seite, der einen in stressigen Situationen stützen kann…
Genau, und das war schon ein Sicherheitsgefühl, zu wissen, dass  der Vater, auch wenn er wenig Zeit hat, prinzipiell da ist und die wichtigsten Termine sich frei halten kann.

Und das war dann eben auch so eine so eine Sache, die dann nicht mehr möglich war, als Du alleinerziehend wurdest, oder?
Auf jeden Fall. Das Kind brauchte in dieser Zeit ja auch viel mehr Unterstützung durch eine feste Bezugsperson.

Das verstehe ich gut. Kinder sind keine Maschinen, sondern fühlende Wesen…
Ja, und deshalb kann man das Kind auch nicht einfach wegschieben, so wie man es braucht, denn man muss ja auch versuchen  dem Kind gerecht zu werden. Und die schwierigsten Punkte sind dann eben für das Kind ein Betreuungsumfeld zu schaffen, in dem es sich wohl fühlt. Also ich habe z.B. gemerkt, als mein Sohn in letzter Zeit öfter fremd betreut war, dass es ihm zu viel wurde.

Wie hast du Dich bei der Rückkehr in deinen Beruf gefühlt? So wie ich es herausgehört habe zunächst ganz gut, aber dann kam irgendwann durch die privaten Entwicklungen das Gefühl, dass du eben nicht endlos flexibel sein kannst, oder?
Also ich sage mal so, vor der Trennungssituation kam erschwerend hinzu, dass das Kind sich verändert hat…

Es wurde älter…
Genau. Also zwischen einem Jahr und eineinhalb Jahren war es anstrengender, weil es viel mehr Aufmerksamkeit gefordert hat, als der Säugling. Da habe ich einfach gemerkt, dass es nicht mehr so leicht war, zu arbeiten, wenn er schläft. Weil er auch nicht mehr so viel geschlafen hat.

Und dann?
Dann kam die Kita und es wurde wieder deutlich besser, denn ich wußte genau, von dann bis dann habe ich Zeit. Dann gingen aber leider auch diese kitatypischen Krankheitsphasen los, also da stellte sich dann auch eine gewisse Erschöpfung bei mir ein.

Am Anfang war ich noch voller Euphorie, weil ich arbeitstechnisch alles trotz Schwangerschaft und Geburt geschafft habe. Dann stellte sich heraus, dass es irgendwann in diesem Umfang nicht mehr geht. Zwischenzeitlich habe ich auch ans Schreiben gedacht, aber als dann die Trennung kam, habe ich das abgeschrieben, denn es braucht einen zu langen Vorlauf ohne Bezahlung.

Was hast Du dann gemacht?
Ich habe dann wieder Jobs wie früher generiert, aber darauf geachtet, dass sie nicht mehr ganz so zeitaufwendig sind.

Bist Du damit glücklich?
Hm, schon irgendwie, aber manchmal frage ich mich halt, was man allein mit Kindern überhaupt noch auf Strecke machen kann…

Wie meinst Du das?
Ich frage mich vor allem, wie viel Zeit man langfristig fürs Arbeiten zur Verfügung hat und was man damit machen kann…

Wird es nicht besser, wenn die Kinder in der Schule sind?
Also, ich sehe das noch nicht… Unregelmäßig hat man schon mehr Flexibilität, wenn das Kind selbstständiger wird, es geht schon mal, dass er ein anderes Kind nach der Schule besucht, aber die Fürsorge ist nicht weniger zeitaufwendig, nur eben anders. Mein Sohn muss Hausaufgaben machen, da muss man auch oft dabei sein und ich merke, wenn man selbst so viel zu tun hat und gestresst ist, dann ist auch sofort das Kind gestresst. Wenn man dann den ganzen Tag Besprechungen hat, das Kind acht Stunden betreuen läßt durch den Hort und dann nach Hause kommt, dann ist das Kind auch gestresst…

Wie kommt man da raus? Hast Du einen Weg für Dich gefunden?
Ich versuche, im Vorfeld genau einzuschätzen, was ich machen kann, was ich schaffe. Trotzdem möchte ich Interesse und Freude an der Arbeit behalten. Ich kann mir nicht vorstellen immer das gleiche zu machen, deshalb studiere ich nebenher noch Psychologie an der Fernuni Hagen.

Das machst Du wirklich? Das schaffst Du noch?
Ja, es ist schon ganz schön viel manchmal, aber ich nutze die Psychologie für den Medienbereich und versuche mich dadurch zu qualifizieren und ein Alleinstellungsmerkmal zu kreieren.

Ist das schwer Dich abends noch für das Studium zu motivieren?
Natürlich, manchmal schon und ich weiß auch nicht, ob ich es ganz schaffen werde. Aber es ist toll, weil man sich mit einem ganz neuen Thema beschäftigt. Es ist etwas substanzieller als Dramaturgie, wo es immer um Fiktion geht. Also man kann das dramaturgische Handwerk durch die Psychologie auch anreichern, man muss vorsichtig sein, aber es ist hilfreich, wenn man die Erkenntnisse verknüpfen kann.

 Im Interview_drei

Was war vielleicht ein Hindernis beim Wiedereinstieg in den Beruf? Dass du nicht spontan auf einen Partner bei der Kinderbetreuung zurückgreifen kannst?
Ja, das ist schon ein Handicap. Das ist auch ein großes gesellschaftliches Problem.

Allein das Gefühl, immer alleine verantwortlich zu sein, stelle ich mir extrem schwer vor…
Das ist schon extrem problematisch. Ich habe damit auch nicht gerechnet in diese alleinerziehende Situation zu kommen. Das große Problem beruflich ist, dass man wesentlich angestrengter ist, weil man so viel machen muss und man kann nicht mehr so viel leisten wie vorher. Das Kind verändert sich auch, wenn man getrennt ist. Es wird extrem fokussiert, vor allem, wenn man nur eines hat, so wie ich. Es hat natürlich dauernd den Fokus auf mir, daher ist die Zeit auch anstrengender, als sie vorher war, viel fordernder. Und natürlich auch schwieriger, weil das Kind durch die Trennungssituation sehr belastet ist.

Das glaube ich…
Beruflich muss man unheimlich diszipliniert sein. Das bin ich auch, aber – wie man sieht (hustet) fordert es dann manchmal auch seinen Tribut und ich werde krank.

Was könnte man tun, um Alleinerziehende mehr zu unterstützen?
Das ist ein ganz schwieriges Thema und da kann man auch von Glück sagen, dass ich verheiratet war und die Unterstützung von meinem Mann kriege. Das  klingt vielleiht böse und vorher habe ich sicher anders darüber gedacht, aber nun denke ich, es ist total schlimm für diejenigen, die alleinerziehend sind und nicht verheiratet waren. Die haben gar keinen Anspruch auf irgendetwas. Es ist auch total unverständlich, weil es ja so viele sind, die vorher nicht verheiratet waren und jetzt genauso viel leisten müssen. Unabhängig davon, was man vorher für einen Status hatte, ist das schon ganz schön schwierig.

Was könnte man abgesehen von finanzieller Sicherheit speziell für Alleinerziehende machen? Wenn man so einen Anspruch auf eine Leihoma hätte, jemanden der ein festes Stundenkontingent pro Woche hätte, wie eine Oma, die an zwei Tagen in der Woche am Nachmittag die Kinder betreut, wie wäre so etwas?
Ja. Das Problem ist, dass die Kinder ja auch irgendwann nach hause wollen. Der Hort ist außerdem nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, sodass mit man mit diesem Angebot nur bedingt flexibel ist, auch wenn es an sich toll ist. Es müsste also eigentlich, wie du gerade gesagt hast, eine weitere Bezugsperson eingekauft werden. Wer das sein kann, das kann ja z.B. auch das alleinerziehende Elternteil entscheiden, und, wenn es die Krankenkasse zahlt, dann wäre das natürlich super.

Es ist auch so eine Sache, die ich gar nicht richtig verstanden habe, als ich noch kein Kind hatte: Es ist für die Kinder auch ein Arbeitstag in der Schule und der Kita. Sie haben Erfolge und Misserfolge, erleben Freude und Streit, also ähnlich wie in einem Büroalltag. Es gibt auch Kämpfe unter den Kindern. Man muss es, wie du eben sagtest, als Mutter wieder auffangen, was sich emotional an so einem Tag angestaut hat…
Ja, die Frage ist, welche eingekaufte Person kann das leisten und wie kann man von ihr erwarten, dass sie mehrere Jahre zur Verfügung steht.  Es läuft schon darauf hinaus, dass man eine zusätzliche Betreuung hat, aber es geht auch darum, wie man sie gestaltet und es gehört dazu, dass man die nötigen zusätzlichen finanziellen Mittel hat. Und die Tatsache, dass es einen Hort gibt, ist toll, aber es ist auch nur eine gute Übergangslösung. Und mir wird mittlerweile mit Schrecken klar, was ich im Freundeskreis beobachte: Auch bei Kindern mit 12 Jahren ist der berufliche Freiraum, den man hat, ungefähr gleich. Später gibt es keinen Hort mehr, aber länger als vier Uhr nachmittags will man seine Schlüsselkinder auch nicht alleine lassen – denn da geht es dann später ja auch um mehr Hausaufgaben und die weiterführende Schule… Und dann kommt eben das eigene Alter dazu und, dass viele auch nicht mehr so jung sind. Ich war mit 36 schon Spätgebärende. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, muss man nicht mehr mit Vollzeit anfangen, denn dann ist es bei den Spätgebärenden zu spät. Das ist ein zusätzliches Problem.

Wie viele Stunden arbeitest Du im Moment?
30 Stunden.

Zu welchen Zeiten?
Meistens während mein Sohn in der Schule und im Hort ist, aber häufig auch abends, wenn er schläft oder morgens vor der Schule.

Wie viel Prozent Unterstützung hast du ungefähr von anderen bei der Kinderbetreuung?
Vom Hort abgesehen, 10 Prozent, nicht viel.

Und wie flexibel sind diese Personen, die Dich Unterstützen auf einer Skala von 1 bis 10 (1=extrem unflexibel, 10=extrem flexibel).
Ich würde sagen bei 4.

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie hoch ist jetzt deine berufliche Zufriedenheit?
Hm, bei 5.

Warum ist das so?
Weniger, weil der Job mir weniger Spaß macht, denn Spaß macht es mir nach wie vor, aber ich bin ein bisschen an Grenzen gestoßen und so viel ist mit einem schlechten Gewissen verbunden, wenn das Kind betreut ist. Ich hätte so gerne viel mehr Zeit für Dinge, diese Zeit habe ich aber einfach nicht. Das ist eigentlich der Punkt. Es hat weniger mit der Arbeit zu tun, denn dort haben die meisten Kinder und auch Verständnis.

Im Interview_fünf

Was war die schwierigste Situation, mit der Du Dich konfrontiert gesehen hast?
Veranstaltungen wie die Berlinale zum Beispiel. Solche Veranstaltungen gehen den ganzen Tag, sogar mehrere Tage lang. Berufsspezifische Veranstaltungen, die über einen längeren Zeitraum gehen und bei denen auch wichtig ist, dass man präsent ist, sowas ist echt schwierig.

Wie bist du damit umgegangen?
Ich habe das eingeschränkt und aufgehört mich darüber aufzuregen. Ich habe jetzt zum Beispiel auf das Filme gucken verzichtet, obwohl es auch zu meinem Beruf gehört, informiert zu sein. Ich kann das nicht mehr leisten, dass ich die Filme sehe und maximal zwei Abendveranstaltung wahrnehmen. Ich habe da einen ganz klaren Plan, weil das sonst auch mit zu viel Frustration verbunden ist, immer mehr machen zu wollen, als geht.

Und hast du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Ich möchte meine Workshoptätigkeit ausbauen.

Würdest du rückblickend etwas anders machen?
Schwer zu sagen. Vielleicht hätte ich mir nach der Geburt ein halbes Jahr Zeit mehr lassen können, um mich richtig zu erholen, aber dann hätte es mit dem Wiedereinstieg vielleicht auch nicht so gut geklappt.

Was würde deine berufliche Situation optimieren?
Nicht nur den Hort, sondern noch jemanden zu haben, der verfügbar ist, wie eine Leihoma.

Im Interview_vier

Was es sonst noch zu sagen gibt…

Man kann nicht wirklich vorbereitet sein, wenn man Mutter oder Vater wird. Es kommt immer irgendwie anders und es ist ein großes Glück, wenn die Kinder gesund sind.

Wenn es um das Thema alleinerziehende Eltern geht, bin ich am Rande davor politisch zu werden. Ich finde, dass da gesellschaftlich wirklich ein stärkerer Fokus darauf liegen müsste, Alleinerziehenden den Rücken zu stärken. Mir geht es ja zum Glück noch gut, weil ich genug Arbeit habe, aber es gibt auch Personen, die weder von zu Hause aus abgesichert sind, noch über ein gutes Einkommen verfügen. Diejenigen sind aus meiner Sicht leider wirklich die Verliererinnen der Gesellschaft. Sie müssen in allen Bereichen Abstriche machen und da sollte man einfach ein bisschen mehr hingucken. Dies ist das, was ich aus meiner Situation mitgenommen habe. Alleinerziehende Frauen, die ich kenne, die Akademikerinnen sind und von Haus aus gut gestellt sind, haben da noch Glück im Unglück. Und am besten wäre es, vor der Trennung noch einmal genau hinzugucken, ob man wirklich alles versucht hat, um die Familie zu retten. Da geben viele für mein Empfinden zu schnell auf und bedenken nicht die Konsequenzen, vor allen Dingen für die Kinder.

So ganz konkret wäre so eine weitere Bezugsperson, die bspw. über die Krankenkasse dauerhaft „eingekauft“ werden kann, schon das Beste, oder?
Wenn es so weit kommen muss, auf jeden Fall. Das wäre die Leihoma, die bspw. eine Art „Betreuungsgeld“ bekommt oder sonst jemand, der konstant für ein bestimmtes Budget das übernimmt. Also jemanden zu haben, der zu Hause ist, wenn das Kind zu Hause ist, das wäre schon gut. Ich finde es ganz schlimm und ich weiß auch gar nicht, ob ich das jetzt wirklich sagen soll…

Du kannst es nachher noch rausstreichen…
Ja, oder Du kannst es vielleicht noch rausschneiden… Aber, ich denke, dass gerade Alleinerziehende, die nicht auf die 50t%ige Betreuung durch den anderen Elternteil  zählen können, finanziell von ihren Expartnern mehr unterstützt werden müssen. Es kann nicht sein, dass einer die ganze Arbeit macht und gleichzeitig beruflich nur eingeschränkt weiterkommt. So können sich die Verhältnisse auch nie ändern, z.B. das Frauen auch langfristig beruflich gut aufgestellt sind. Ansonsten sind wir klar die Verlierer der Emanzipationsbestrebungen, weil wir uns freiwillig die ganze Arbeit aufhalsen, ohne wirklich weiter zu kommen. Und die Kinder leben dann auch noch die meiste Zeit in den sozial schwächeren Haushalten. Gerade auf den Haushalt könnte ich gut verzichten. Eine Haushälterin wäre toll, auch wenn das ziemlich „old school“ ist, sowas sehe ich sonst nur in Downton Abbey (lacht).

Eine Haushälterin? Traumhaft!
Ja! Eine persönliche Unterstützung, die auch mal den Kühlschrank auffüllt, die die klassische Arbeit der Hausfrau übernimmt. Vielleicht ein neues Geschäftsmodell, das vielleicht auch schöner wäre, als bei einer Familie nur zu putzen…

Ein schöner Gedanke! Vielleicht gibt es das hier vielleicht irgendwann wieder mehr, die Downton-Abbey-Haushälterin in Berlin-Mitte! Es ist absolut richtig, dass heute beide arbeitenden Eltern jemanden haben müssen, der ihnen auch mal den Rücken frei hält – und für Alleinerziehende gilt das umso mehr! Vielen Dank, liebe Birgit, für das tolle Interview!

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Interviews mit Eltern, die ihre Kinder lieben – und ihren Beruf.

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