Carolin (33) Sozialunternehmerin

Zwei Wochen vor der Geburt ihres ersten Kindes stand Carolin, die Gründerin und Geschäftsführerin von dotHIV, noch strahlend und voller Energie in ihrem Büro. Ein Jahr später treffen wir sie, um zu erfahren, was sich in ihrem Berufsleben verändert hat. Schnell wird klar, dass sie ihren Humor auf jeden Fall behalten hat…

Kinder: 1 Sohn (1 Jahr)
Status: verheiratet

Schön dich zu sehen und schön, dass es mit dem Termin geklappt hat.
Ja, das freut mich auch!

Du bist erkältet…
Hm, total nervig. Das geht seit unser Sohn in der Kita ist permanent so. Ich bin dauererkältet und mein Mann hatte sogar schon die Hand-Fuß- Mund-Krankheit…

Au weia! Kriegen die nicht nur Kinder?
Ja, eigentlich schon. Aber er hat es sich auch eingefangen. Richtig übel mit hohem Fieber und so.

Die Hand-Fuß-Mund-Krankheit, das ist sowas wie die Maul-und-Klauen-Seuche beim Menschen, oder?
Genau. Man erfährt plötzlich von Krankheiten, von denen man noch nie gehört hat.

Stimmt, man lernt schon etwas dazu…
„Infektzeit“ ist zum Beispiel auch so ein Begriff, den Eltern immer benutzen und den ich gar nicht kannte, bevor mein Kind in die Kita kam! (lacht)
Klar, die Zeit von Oktober bis April! Im ersten Kitajahr für Kinder, Eltern und Beruf keine einfache Zeit…

Was davor geschah…

Welche Tätigkeit hast Du ausgeübt, bevor Du Mutter wurdest?
Ich war und bin Sozialunternehmerin und habe Ende 2011 gemeinsam mit Freunden dotHIV gegründet. Das ist eine Mischung zwischen einem IT-Startup und einem gemeinnützigen Verein.  Wir bringen Internetadressen mit der Endung .hiv ins Netz, quasi als digitale rote Schleifen. Das heißt, dass man diese Internetadressen trägt, wie man eine rote Schleife am Revers tragen würde. Das Besondere ist, dass wir als Verein immer, wenn jemand eine .hiv-Seite besucht, eine kleine Spende an HIV-Projekte weitergeben. So wird Surfen auf .hiv zur guten Tat. Das ist ein ganz neues Nutzungskonzept für Webadressen. Unser Markteintritt war im letzten Sommer, also im August 2014.

Klingt spannend. Wie viele Stunden hast du pro Woche gearbeitet? Und wie wurden diese verteilt?
60 Stunden wöchentlich mindestens. Mein Tag sah so aus: Aufgestanden, eine Stunde E-Mails gecheckt und beantwortet, gefrühstückt, ins Büro, heimgefahren, weitergearbeitet, schlafen gegangen. Am Wochenende fiel auch immer etwas an. Also in den zwei, drei Jahre vor der Geburt meines Sohnes habe ich das echte Unternehmerleben gelebt. Ein Leben, in dem man zwischen Privatem und Beruflichem nicht differenziert. Wo das Arbeiten einfach das Leben ist – und man sich darüber freut.

Im GesprächWie hoch war Deine berufliche Zufriedenheit, bevor Du Kinder bekommen hast (auf einer Skala von 1 bis 10 (1 = unbefriedigend und 10 = exzellent)?
Schwierig zu sagen, aber sehr hoch. Es lässt sich nicht in einer einzigen Zahl fassen. Es gab ganz viele Tage mit einer 10. Aber auch viele Tage mit einer 3, wo die Dinge nicht so klappten, wie man sich das vorgestellt hat oder ich sehr müde war…

Im Durchschnitt?
8 mindestens.

Ganz gut, oder?
Ja, wenn man sowas selber macht, also etwas ganz Neues auf die Beine stellt, dann ist es ja dein eigenes Baby. Da schaut man nicht darauf, was einem das Arbeitsverhältnis bringt, sondern es ist einfach etwas, das einen sehr glücklich macht.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Hattest du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere? Wahrscheinlich als Geschäftsführerin eher nicht, oder?
Also für die Initiative, das Konzept .hiv und die Organisation habe ich natürlich viele Ambitionen und für die Qualität meiner Arbeit auch. Aber ich bin Geschäftsführerin und es gibt innerhalb von dotHIV keinen weiteren Schritt.

War sonst noch irgendetwas?
War sonst noch irgendetwas… Hm… Vielleicht, dass wir eine Weile nicht gedacht haben, dass es klappt mit dem Kinderkriegen?

Oh. Warum?
Ja, weil wir es schon lange versucht haben.

Verstehe.
Und ich hatte einen Frauenarzt, der eine totale Fehldiagnostik erhoben hat und uns gesagt hat, dass es schwierig wird auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen.

Meine Güte. Manchmal ist es gut, wenn sich Ärzte täuschen…
Hm. Deshalb waren wir ziemlich überrascht…

Eine schöne Überraschung.
Genau.

Als das Baby kam

Wie hat Dein berufliches Umfeld die Nachricht aufgenommen, dass du schwanger bist?
Sehr gut! Ich war die einzige, die gesagt hat, dass es schwierig wird. Aber das ganze Team – damals war es noch das kleine Kernteam – jeder einzelne – hat angeboten zu helfen.

Das ist ja super!
Schon, aber bis heute hat glaube ich keiner richtig verstanden, was das für mich war. Was die letzten eineinhalb Jahre bedeutet haben und was es an Kraft gekostet hat. Trotzdem war es so super, dass wirklich alle irgendwie von Anfang an mitgeholfen haben, damit es funktionieren konnte. Ich hatte wahnsinnig viel Unterstützung.

Klingt traumhaft. Wie sah die Unterstützung konkret aus? Beschreib mal!
Rein emotional die Freude des ganzen Teams. Und ganz praktisch, z.B. dass eine Kollegin das Baby die ganze Zeit total lieb im Arm gehalten hat, wenn ich einen Vortrag gehalten habe. Oder die Stimmung bei der ersten Jahresendversammlung nach Jonas’ Geburt, zu der die Investoren und die Vereinsmitglieder zusammenkamen. Da war Rainer (mein Mann) mit dem Baby dabei  und nach 1,5 Stunden musste ich die Sitzung unterbrechen, weil mein Sohn nach mir verlangt hat. Und wirklich alle haben Verständnis dafür gehabt und sogar gelacht, denn das Baby hat sich schon im Nebenraum lautstark bemerkbar gemacht… (lacht)

Das ist natürlich toll und hilft.
Ja, die Investoren haben selber auch alle Kinder. So wie mein Mann und ich das gehandhabt haben, damit ich gleich weiterarbeiten konnte, das geht nur mit so einer emotionalen und tatkräftigen Unterstützung.

One handed operationJa, super. Aber du hast auch kaum ausgesetzt, oder?
Hm. Um 5 Uhr morgens ist mein Sohn Jonas zur Welt gekommen. Fünf Stunden später (um 10 Uhr) habe ich wegen einer Abstimmungsfrage eine SMS von meinem Team bekommen.

Vom Kreiszahl gleich zur Telko…
So ungefähr. Wenigstens war es nur eine SMS und kein Anruf (lacht). Toll fand ich das selbst nicht – und es hat mich schon nervös gemacht, denn schließlich hatte ich alles ganz genau vorbereitet, damit ich runterfahren und auch einige Zeit Pause machen kann. Und dann sowas gleich nach der Entbindung…

Was hast du arrangiert?
Wir haben keine neuen Projekte mehr angestoßen und meine Kollegin hat das Grundrauschen erledigt. Also dachte ich, dass ich drei Monate raus kann. Im Endeffekt habe ich 4 Wochen komplett Pause gemacht, und war danach wieder ansprechbar.

Wow, das ist schnell. Das offizielle Wochenbett ist 8 Wochen. Rein körperlich macht das auch Sinn…
Macht es auch. Aber es hat sich bald herausgestellt, dass es anders laufen wird. Ich habe schnell wieder angefangen, intensiv mitzudenken, und auch im Rahmen der Möglichkeiten von zu Hause Aufgaben übernommen – und dafür kontinuierlich Teilzeit weitergearbeitet.

Und wie hast du dich im beruflichen Kontext in den Monaten vor der Geburt gefühlt?
Sehr gut. Ich hatte keine Komplikationen. Bin gereist und habe alles getan, was nötig war und mehr.

Dein Team war ja auch entspannt damit.
Ja, mein kinderfreies Kernteam war begeistert. Ich war die einzige Skeptikerin. Mein Team war sehr geprägt vom Nicht-Wissen darüber wie es mit einem Einjährigen oder mit einem Säugling ist. Bei den meisten war es so,  weil sie noch keine Kinder hatten. Aber das eigentlich Schwierigere ist, wenn jemand zwar Kinder hat, aber trotzdem wenig Ahnung besitzt, weil er im Säuglings- und Kleinkindalter die Fürsorgerolle nicht (mit)getragen hat. Diese Leute haben dann das Gefühl, dass sie auch Kind und Karriere vereinbart bekommen haben. In Wahrheit mussten sie es aber nicht, weil ihnen jemand den Rücken frei gehalten hat und sie haben wenig Bewusstsein dafür, wie viel Aufmerksamkeit und Energie das erste Lebensjahr eines Babys verlangt. Sie wissen auch nicht, dass es einfach eine andere Nummer ist in dieser Anfangszeit, beides zu stemmen.

Die Rückkehr der Kollegin-Mutter

Wurde etwas umstrukturiert während du nicht da warst?
Nein. Zu der Zeit konnten wir niemanden einstellen. Wir hatten die Lizenz noch nicht, um die Webadressen tatsächlich zu verkaufen. Das steckte im Bewilligungsprozess und wir hatten mit einer großen Verzögerung zu kämpfen, weil dieses gesamte Programm noch mal unter ein Screening von internationalen Regierungsvertretern musste.

OK.
150 Regierungen der Welt wollten sich klar machen, welche Auswirkungen eine Vielzahl neuer Internetadressen für die Online-Welt hat. Dieser Prozess hat uns fast ein Jahr gekostet. Wir waren finanziell in einer schwierigen Situation, weil diese erneute Prüfung ungeplant kam. Vom zeitlichen Horizont her konnte man gar nicht sagen, wann es losgeht. Das heißt,  ich konnte gar keine Mutterschaftsvertretung oder Elternzeitvertretung einstellen.

Verstehe.
Abgesehen  davon, dass für mein Gehalt sowieso keiner gearbeitet hätte. (lacht)  Aber nicht einmal eine 400-Euro-Kraft war drin, weil wir nicht wussten, ob wir die 400 Euro nicht vielleicht doch noch brauchen, um noch ein bisschen länger durchzuhalten.

Ja, Wahnsinn. Dann ist dein Aufgabegebiet natürlich das gleiche geblieben.
Ja – bis auf das, was ich verschieben oder vorarbeiten konnte.
Und wie hast du dich bei deiner Rückkehr gefühlt?
So richtig bin ich ja gar nicht ganz rausgegangen, insofern kann man eigentlich gar nicht von einer Rückkehr sprechen…

Aber plötzlich als Mutter im Beruf?
Ich hätte mir mehr Pause gewünscht. Mir ging es dann schon sehr schnell. Grundsätzlich ich war schon immer stolz, dass wir – also Rainer, Jonas und ich – das gemeinsam hinkriegen. Und ich war mir bewusst, dass unser Lebensentwurf keine Selbstverständlichkeit ist. Also, dass ich einen Mann habe, der mit einer ganz großen Selbstverständlichkeit und ohne, dass ich das irgendwie einfordern musste, einen Großteil der familiären Aufgaben übernimmt. Für mich war es also weniger eine Rückkehr in den Beruf als ein Start in das Familienleben gemeinsam mit meinem Beruf.

Schön formuliert und eine interessante Sichtweise.
Es ist einfach ein ständiges Ausprobieren, wie wir das hinkriegen – und das ist auch noch gar nicht abgeschlossen, da sind wir noch mittendrin. Auch Rainer ist jetzt seit wenigen Monaten zurück im Job. In den ersten 6 Monate direkt nach der Geburt, als ich zu Hause war, habe ich das Arbeiten immer „one-handed-operation“ genannt: In der einen Hand das Handy, im anderen Arm Jonas. Mit der Handyhand habe ich im Netz recherchiert, E-Mails gelesen, E-Mails getippt.

Fingergymnastik und gut für die Armmuskeln…
Ja (lacht). Vor der Geburt habe ich mir ein kleines Headset gekauft, weil ich dachte, dass ich beim Stillen dann nebenher mal mit meiner Kollegin telefonieren kann.

Haha!
Ja (lacht). Hat leider nicht geklappt, weil mein Sohn nicht wollte, dass ich spreche während des Stillens.

Ja, so sind sie manchmal…
Telefonkonferenzen mit ihm im Tragetuch, das hat hingegen gut funktioniert. Ich musste die nur auf seine Nickerchen legen. Die klassischen Spaziergänge mit dem Kinderwagen waren bei mir eben mal der Weg ins Büro und zurück. Ich habe versucht, immer alles miteinander zu verbinden. Und das hat erstaunlich gut geklappt – alles hatte irgendwie seinen Platz und seinen Raum, und Jonas, wenn er wach war und Zuwendung brauchte, alle meine Aufmerksamkeit. Es hat sehr gut für Jonas und gut für dotHIV funktioniert. Nur für mich selbst hat es auf Dauer nicht so gut funktioniert, es ist wirklich an die Substanz gegangen.

Hm, kann ich mir vorstellen. Eine tolle Leistung, aber man muss aufpassen, dass man dabei selbst nicht auf der Strecke bleibt…  
Genau.

Carolin4Und das, obwohl du von Anfang an realistisch eingeschätzt hast, was auf dich zukommen wird mit einem Baby.
Ja, mir war das ab einem gewissen Punkt in der Schwangerschaft ganz klar.

Ab wann genau?
Ich erinnere mich noch ganz klar an den Aha-Moment vor der Geburt meines Sohnes. Das war im Geburtsvorbereitungskurs, als die Hebamme vom Stillrhythmus erzählte, also davon wie oft ein Baby trinken möchte. Sie sagte, dass man am Anfang alle 1,5 bis 2 Stunden stillt und dann dehnt sich das aus auf alle 3 Stunden. Da habe ich sie gefragt: „Wie lange stillt man dann so ungefähr?“ Und sie sagte: „Normal ist beim schnellen Kind eine Viertelstunde, aber es kann auch mal eine halbe Stunde dauern.“ Und ich so: „Alle eineinhalb Stunden für eine halbe Stunde stillen??? Und dann soll ich ihn noch wickeln und baden und schlafen und essen muss man auch noch. Da war meine völlig perplexe Frage im Geburtsvorbereitungskurs: „Wann arbeite ich denn dann?“ Da haben mich alle angeschaut und gesagt „Gar nicht – das ist deine Arbeit!“ und das war der Moment, in dem ich gedacht habe, dass ich echt ein Problem habe.

Und was hast du dann gemacht?
Ich habe versucht, alles so gut wie möglich vorzubereiten. Und ganz so oft war es dann nicht mit dem Stillen. Tagsüber hat Jonas in den ersten Monaten gut geschlafen – auch mal zwei Stunden am Stück und er hat gut und gerne im Tragetuch ganz friedlich gelegen. Da konnte ich manches schaffen in der Zeit. Aber er hat halt nachts nie geschlafen und das war das, was mir an die Substanz ging.

Schlafentzug ist Folter…
Total. Ich habe tagsüber kaum Schlaf nachgeholt und nachts saß ich alle anderthalb Stunden beim Stillen. Nach 6-7 Monaten war mein Akku leer und ich konnte einfach nicht mehr. Ich war sehr, sehr erleichtert, als Rainer dann in die Elternzeit gegangen ist. Auch um wieder eine klarere Trennung der Lebensbereiche zu haben. Das Abstillen hat es mir dann auch nochmal leichter gemacht.

Da warst du nicht mehr so fremdbestimmt, oder?
Genau. Zur ersten großen Konferenz nach dem Wiedereinstieg habe ich die beiden noch mitgenommen. Die war in Singapur. Dann waren wir im Anschluss noch auf einer malaysischen Insel und haben uns dort kaum von der Stelle unter der Palme bewegt.

Klingt gut. Wie alt war Joans da?
Ein halbes Jahr. Also kurz vorm Krabbelalter.

Das war praktisch, dass er noch nicht allzu mobil war.
Ja. In Singapur konnten wir bei einer Freundin übernachten und hatten alles, was wir brauchten. Das warme Wetter war toll für Jonas, und das Korallenriff 50 Meter vor unserem Strandbungalow für uns. Im Nachhinein sieht man natürlich vor allem das Positive.

Und vergisst das stressige Drumherum…
So ist es. Die Zeitverschiebung und der Klimawechsel waren schon stressig für den Kleinen.

War es bei der Konferenzsituation nicht eigentlich viel stressiger deine Familie „im Nacken zu haben“, als wenn du alleine dort gewesen wärst?
Ja, während der Konferenz schon. Allerdings habe ich zu der Zeit noch gestillt. Die Konferenz musste sein, und ohne meine Männer zu fahren hätte bedeutet, dass ich sehr abrupt hätte abstillen müssen. Das wollten wir nicht. Natürlich wäre es sonst vermutlich besser gewesen, wenn beide zu Hause geblieben werden. Aber mit dem Urlaub, der Familienzeit im Anschluss, war das in Ordnung und die Aufregung wert.

Nur für deinen freien Kopf während der Konferenz wäre es vermutlich besser ohne Begleitung gewesen, oder?
Ja, das schon. Ich bin viel für den Job unterwegs und war jetzt auch schon viel ohne Kind auf Reisen. Das ist für den Job besser, man hat den Kopf frei. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es mir das Reisen so schwer fällt.

Wie meinst du das?
Seit ich Mutter bin, geht mir alles, was länger als 4-5 Tage dauert, schon echt ans Herz…

Verstehe.
Früher habe ich das Reisen immer sehr genossen, schon bei meinem früheren Job bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft war das so. Und jetzt finde ich es schon ganz schön gruselig, dass es mir nun so schwer fällt. Ich hoffe, dass die Freude am Reisen wiederkommt.

Bestimmt, in 10-15 Jahren…
Das fürchte ich auch (lacht).

Wie hast du die Kinderbetreuung organisiert?
Jonas ist wie gesagt seit Oktober in der Kita. Zwei Tage in der Woche hole ich ihn ab, an den anderen Rainer. Alles weitere machen mein Mann und ich eigentlich alleine. Langsam klappt es auch immer besser mit dem Babysitten. Es hat aber lange gedauert, bis Jonas soweit war, und wir eine passende Babysitterin gefunden haben.

Das ist auch nicht so einfach.
Wen ich auf jeden Fall als großartige Helfer erwähnen muss, sind meine und Rainers Eltern. Die wohnen zwar 700 km weit weg, aber waren so oft da mit so viel liebevoller Hilfsbereitschaft und Verständnis. Rainers Eltern haben einen ganz anderen Lebensentwurf, und, dass sie unser Modell mitmachen und es nie in Frage gestellt haben, das ist schon toll.

Super. Die ältere Generation redet einem ja manchmal auch rein…
Also unsere Eltern haben unser Modell nie in Frage gestellt, sondern gesehen, dass wir Unterstützung brauchen und entschieden, dass sie uns diese geben und für uns da sind. Dieses supertolle Engagement hat Rainer und mich total umgehauen.

Klasse.
Ohne wäre es auch nicht gegangen. Unterm Strich waren seine und meine Eltern im ersten Jahr bestimmt 10 Wochen da.

Ist es das erste Enkelkind?
Für meine Eltern ja, für Rainers nicht.

Während des InterviewsWas war bisher vielleicht ein Hindernis?
Jonas war kein einfaches Baby und er ist nach wie vor anspruchsvoll.

Es ist lustig, weil ich im Vorfeld immer, wenn mich Leute gefragt haben, wie ich es mit Kind plane, gesagt habe: „Ich muss erstmal schauen, was ich für ein Kind kriege.“ Im Nachhinein muss ich über mich selbst lachen, weil ich natürlich insgeheim immer dachte „ich kriege bestimmt ein suuuper entspanntes Kind, es wird sooo viel schlafen und nur rumliegen und lachen. Ich kann es dann einfach mit ins Büro nehmen und da gluckst es ein bisschen rum und alle werden es lieben und so.“ (lacht)

Ein schöner Traum!
Jaja. Und mein Jonas hatte aber richtig lange schlimmes Bauchweh und hatte von Beginn an einen hohen Bewegungsdrang. Bis er endlich krabbeln konnte, hat ihn das richtig frustriert. Dann wurde es besser. Er fand es furchtbar, nur rumzuliegen und diesen Unmut hat er uns ins Gesicht geschrien, vollkommen hemmungslos wie Babys eben sind.
Ja, das ist ein krasser Start ins Elternleben…
Hmmm. Am Muttertag, als er 6 Monate alt war, haben wir ihm in einem ernsten Gespräch erklärt, dass wir ein Gute-Laune-Haushalt sind und jeder, der hier einzieht, gute Laune mitbringen muss. (lacht)

Gute Idee, warum habe ich das nie gemacht?
Erstaunlicherweise wurde es danach besser. (lacht) Aber er war dann auch sieben Monate alt, hatte weniger Bauchschmerzen und konnte sich endlich bewegen – von da an bekam er dann gute Laune…

Das kenne ich…
Aber wir hatten eine echt harte Zeit mit ihm. Er war ein total hübsches Baby, aber hatte eine harte Zeit anzukommen… Und er hat einfach viel gefordert, das ist auch jetzt noch so.

Ja, manche Kinder brauchen sehr viele Anregungen und wollen Aktion…  Die Temperamente sind eben sehr verschieden, das weiß man spätestens nach dem Zweiten…
Wie viele Stunden arbeitest du jetzt?
Offiziell 80 Prozent. Ich komme eigentlich aber auf 100 Prozent. Ich gehe um 9 Uhr ins Büro und komme um 19 Uhr heim an den langen Tagen. An meinen kurzen Tagen komme ich um 15 Uhr nach Hause.

Ist es jetzt besser?
Nein, aber es ist einfach nicht mehr zu machen.

Wie meinst du das?
Mein bisheriges Learning aus Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, dass ich es vereint kriege, aber oft selbst dabei flöten gehe. Weil für mich dabei keine einzige Minute übrigbleibt. Wenn ich Feierabend habe, kommt der Beruf wieder. Und aktuell sehe ich nicht so recht, wie sich das ändern sollte…

Schwierig. Wie viel Prozent Unterstützung  erhältst du ungefähr von deinem Mann?
Meine Güte! Also wenn ich das jetzt aufteilen müsste, wer sich wie viel um Jonas kümmert, würde ich sagen er 60 Prozent und ich 40 Prozent. Er gibt wahnsinnig viel, und trägt einen großen Teil der Belastung.

OK. Wie flexibel ist dein Mann auf einer Skala von 1 bis 10 (1=extrem unflexibel, 10=extrem flexibel)?
Er hat im Job seine feste Arbeitszeitaufteilung und wir können schon mit langem Vorlauf mal einen Tag hin und her schieben. Die Abende sind flexibel, klar. Er nimmt sich keine festen Abendtermine, weil er weiß, dass es bei mir immer mal wieder brennen kann…

Eigentlich ist er also schon extrem flexibel?
Stimmt, also 10.

Wie hoch ist deine berufliche Zufriedenheit  jetzt (auf einer Skala von 1 bis 10 (1 = unbefriedigend und 10 = exzellent)?   
Hm. Vielleicht kann ich sagen vorher lag sie bei 8 und jetzt ist sie bei 7… Ich bin immer noch sehr zufrieden. Ich mache das, was ich machen möchte. Ich scheitere natürlich immer mal wieder, weil ich manchmal an Grenzen komme. Aber es geht halt nicht anders und ich will ja auch die Zeit mit meinem Sohn genießen.

Was war die schwierigste Situation, mit der Du Dich konfrontiert gesehen hast?
Zu erleben, dass die dauernde zeitliche und körperliche Belastung an unserer Beziehung nagt, hat meinen Mann und mich beide ziemlich getroffen.

Wie bist du damit umgegangen?
Es gab Momente, in denen wir beide so erschöpft waren, dass wir nicht mehr miteinander reden konnten, obwohl wir es versucht haben. Das war schockierend. Was wir darüber gelernt haben, ist dies auch mal auszuhalten, bis man die Kraft wiederfindet, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Wir fangen gerade an, für uns beide wieder einen Platz im Leben zu dritt – oder zu viert, wenn man dotHIV mitzählt – einzurichten. Das ist uns beiden sehr wichtig. Dass es uns schwerfällt, haben wir nicht erwartet.

Und hast du weitere Ambitionen bezüglich Deiner Karriere?
Ich habe mein Berufsleben nie als Karriere betrachtet. Dieses ‚Nach oben’ als Selbstzweck ist mir sehr fremd. Ich will an Dingen mitwirken, die für mich Sinn machen, und dabei lernen und mich weiterentwickeln. Am liebsten hätte ich ein Berufsleben, das auch mal Durchatmen zulässt – also 6-7 Jahre volle Kraft, dann runterschalten, weniger geben, Luft holen – in einem schönen Teilzeitjob ohne große Ambitionen zum Beispiel. Bis die nächste Herausforderung vor der Tür steht.
Das ist in unserer Arbeitswelt schwierig – aber das schöne am Unternehmertum. Da kann man mehr gestalten.

Würdest du rückblickend etwas anders machen?
Nein. Es war eine harte Zeit, aber an allen Fronten war es den Einsatz wert. Jonas ist ein Zuckerstück.

In der Badewanne finden sich Carolins Beruf und ihr Sohn wieder...Was würde deine berufliche Situation optimieren?
Ganz klar: mehr .hiv Adressen – zu bestellen unter http://register.hiv  Für ein junges Unternehmen wie .hiv hängt vom Erfolg ganz klar ab, wieviel Spielraum man intern hat. Wenn wir wachsen können, bedeutet das auch mehr Personal, und weniger operativer Druck bei mir.

Was es sonst noch zu sagen gibt

Wie würdest du als Unternehmerin Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei deinen Mitarbeitern gestalten? Was würdest du erwarten und welche Rahmenbedingungen würdet du schaffen?
Interessanterweise tut das, was Eltern hilft, auch anderen Arbeitnehmern gut: Vertrauensarbeitszeit, Möglichkeiten, von zu Hause oder unterwegs zu arbeiten, Teilzeitoption. Inzwischen bin ich nicht mehr der einzige Elternteil bei dotHIV, und meine Kollegin und ich handhaben unsere Jobs sehr ähnlich. Aber auch die anderen – unser CTO arbeitet 90%, weil er gerne Raum für Nebenprojekte hat, unsere Finanzerin macht einige Tage im Monat Homeoffice, weil sie manchmal die Ruhe für die Zahlenkollonnen braucht. Ich denke, unsere Arbeitswelt entwickelt sich generell in diese Richtung, und das ist gut so. Was mir besonders am Herzen liegt: weniger zwischen Müttern und Vätern differenzieren, z.B. indem man Elternzeit und Teilzeitmodelle als Selbstverständlichkeit für beide ansieht. Nur wenn man die Väter mitdenkt, haben wir eine Chance auf Gleichstellung.
Was es sonst noch zu sagen gibt…

Welche Tipps hast Du? Welche Ideen? Was würdest du gerne ändern?
Einen Wunsch hätte ich: Dass unsere Elterngesellschaft gegenüber individuellen Lebensentwürfen im Alltag offener ist. Wir waren ja nicht besonders unkonventionell … und umso mehr erstaunt, dass sich viele Mütter von der Anwesenheit eines Elternzeitvaters verunsichert fühlten. Oder, dass mir mehrfach gesagt wurde, meine Art, Jonas erstes Jahr zu gestalten, würde sie unangenehm unter Druck setzen – sozusagen als Vorwurf, sie müssten selbst mehr schaffen. Ich freue mich immer über Vielfalt, und wundere mich oft, wie konform das Thema Elternwerden gehandhabt wird.

Vielen Dank, liebe Carolin, für die interessanten Einblicke. Wir wünschen .hiv weiterhin viel Erfolg und hoffen, dass berufstätige Eltern sich in Zukunft untereinander weniger kritisch beäugen. Wichtig ist, dass es für alle Familienmitglieder und im Beruf gut funktioniert. Wie man sich organisatorisch am besten aufstellt, kann jede Familie nur für sich alleine entscheiden.

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Interviews mit Eltern, die ihre Kinder lieben – und ihren Beruf.

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